Auftakt gelungen

Abgekämpft, aber glücklich. Mein Kurz-Fazit über den ersten Abend als Inhaber der Unkaputt-Bar. Es soll ja Leute geben, die so einen Batzen Arbeit Tag für Tag stemmen, und das über zig Jahre hinweg. Unglaublich! Respekt! Nee, da brauch ich mir nix vormachen, so ein Arbeitstier bin ich nicht. Noch nie gewesen. Fein dosieren, alles zu seiner Zeit. Geöffnet wird deshalb lediglich am Wochenende, sowie testweise jeden zweiten Mittwoch, aber nur vormittags. Immer dann, wenn gegenüber Markttag ist. Frühstück wie bei Tiffani, natürlich preiswerter. Gib Stress keine Chance!

Pünktlich um 18 Uhr stolzierten die ersten Gäste in die gute Stube. Alles bekannte, lieb gewonnene Gesichter. Anarcho, Salander, Gauda und Gigolo. Wir kennen uns nun schon viele Jahre, haben ne Menge miteinander erlebt. Wir Fünf sind ein starkes Team, stärker als TKKG plus AKK zusammen.  Werde Euch diese grundverschiedenen Typen nach und nach vorstellen, versprochen. Wie so oft, wie fast immer, lief alles harmonisch ab, wenn sich der Freundeskreis trifft, sieht man einmal von Themen wie Politik, Sport, Religion, Musik, Filme oder auch Beziehungsfragen ab. Da kann es schon mal passieren, dass der stimmungstechnische Seismograf heftige Ausschläge registriert.

Die Eingangstür war noch nicht vollständig in das Schloss zurückgefallen, da belagerten meine Premiere-Gäste bereits die in grellen Farben leuchtende Musikbox. „Wow, tolles Teil, Alter“, kam es Anarcho über die von einem beeindruckenden Vollbart überwucherten Lippen, während er ungeduldig versuchte, mit seinen Pranken das Prunkstück wachzurütteln. Vergeblich. Selbst kurze, ruckartige Stöße halfen nicht, die Wurlitzer schwieg eisern. „Mensch, Anarcho“, versuchte Gauda den Hünen zu beruhigen, „da sind doch nur Single-Attrappen drin“. Anarcho hielt inne, blickte mich mit seinen verständniserhaschenden Hundeblick an. „Happo, jezz mal ehrlich, sieht wirklich echt aus, alles“.  „Schon gut, Anarcho“, lenkte ich ein. „Werde nach und nach die Box mit echten Singles füttern. Echte Schätzkes, sag ´ich Dir!“. Gigolo schien begeistert: „Dürfen wir uns auch was wünschen?“. „So ist´s angedacht, Gigolo. Einer meiner genialen Geschäftsideen“. Hatte da wohl das richtige Näschen gehabt, resümierte ich selbstzufrieden.  

Urplötzlich dröhnten aus dem Bluetooth-Lautsprecher die ersten Takte von „Highway to hell“. Salander, wer sonst! Salander! Ich hätte es wissen müssen. Lisbeth Schankowski, wie sie mit bürgerlichen Namen heißt, ähnelt nicht nur äußerlich der Roman-Figur Lisbeth Salander, stellt ihre außergewöhnlichen Computerkenntnisse ebenso wie der Star aus der Millennium-Trilogie regelmäßig unter Beweis. Ihr Job als Schreibkraft beim hiesigen Einwohnermeldeamt, füllt sie innerlich nicht im Entferntesten aus. Sie wird nicht müde, dieses Faktum nachhaltig klarzustellen.

Wie macht sie das bloß, die Musik vom Laptop scharf zu schalten, ohne überhaupt nur in die Nähe des PC´s zu kommen? „Tja, Happo, die Welt ist voller Geheimnisse“, lächelte sie mich verschmitzt mit ihren tiefdunklen Augen an.  

„Prost, auf eine tolle Zeit mit der Unkaputt-Bar!“ Gauda, wie Anarcho ein echter Kleiderschrank, hievte das bis zum Rand mit Prosecco gefüllte, schmale Glasgefäß in die Höhe. In seinen an Dachpfannen erinnernden Händen wirkte der Sektkelch wie ein Pinnchen. Man konnte meinen, er tränke einen Kurzen. Sekundenbruchteile später schepperten fünf Sektgläser gegeneinander. Einigkeit pur. „Auf Euch, auf uns“, prostete ich mit fester Stimme den Anwesenden zu, gab durch ein angedeutetes Nicken das Startzeichen zum Leeren der Gläser.

Wow, es prickelte so schön in meine Gaumen. Wobei Gigolo aus gesundheitstaktischen Gründen so schädliche Inhaltsstoffe wie Alkohol auch an diesem besonderen Abend mied. „Klarer Sprudel kitzelt auch“. Konsequent isser, unser Beziehungs-Hunter.

Atmosphärische Störungen? Fehlanzeige! Nach einigen Stunden in ausgelassener Stimmung drängten sich mir leise Zweifel auf. Warum nur kam kein weiterer Gast? Salander bemerkte meine Grübelei als Erste: „Was bedrückt Dich, Wirt?“

„Naja, so sehr ich es hier und heute mit Euch genieße, aber, warum kommen keine weiteren Gäste zur Eröffnung?“

Die Frage schien berechtigt, denn urplötzlich füllte eine gewisse Nachdenklichkkeit die Bar. „Ohh mein Gott!……Verzeih´…, verzeiht. Ich, ich habe völlig vergessen, die Türöffnung wieder zu aktivieren“. Salander lief rot an, und während sie hektisch irgendwelche Zeichen und Zahlen auf ihrem Smartphone tippte, öffnete sich langsam die Eingangstür. Kalter Wind blies in das Etablissement.

Ein Blick auf die Digitaluhr verriet, es war bereits 2.53Uhr. Jetzt würde kein Gast mehr kommen. Soviel stand fest.

„Scheiß egal, heute war unser Tag“, bölkte ich losgelöst in die Runde, drückte Salander, Gigolo, Gauda und Anarcho herzlich, irgendwie erleichtert.

Anfängerfehler. Mehr nicht. Man lernt halt nie aus.

41 Replies to “Auftakt gelungen”

  1. Ex El Präsidente, wenn das so weiter geht mit deiner neu eröffneten Bar und deiner Lektüre, da muß du dir keine Sorgen machen. Der Laden wird Brummen wie verrückt. Super geschrieben. LG Dirty Harry

  2. Der erste Tag war ein voller Erfolg… Werde diese Bar auf jeden Fall öfter Besuchen…Hoffe es wird in Zukunft auch die berühmten Zwischendurchsnacks wie Buletten zum Bier geben oder zumindest den Geruch davon.

    Griezle

    Mazl

  3. Hallo, liebe Birgit,

    jetzt, just in diesem Moment, fällt mir ein, auf der Speisekarte fehlen Bratkartoffeln. 🙂

    Ich hoffe, es beehren mich hier so tolle Gäste, wie Du es bist. Und zahlungskräftige!!!!

    Bis bald, und liebe Grüße nach ääähhh, Katern…, ach nee, Stoppenberg

  4. Mein lieber Gatte,

    ich stand vor der verschlossenen Tür und kam nicht rein….. Schade.

    Aber ich freu‘ mich auf die nächste Türöffnung. Ich will unbedingt dabei sein. Grüß Lisbeth…

    Freu mich riesig. Bis denn…..

      1. neee, det is aber von früher. Seit 2010 gilt auch in nrw nur noch die Putzstunde genannte „Sperrstunde“ zwi 5-6 Uhr. Oder anders: Kneipen können selbst entscheiden (= wenn wer da), ob zu oder offen.
        🙂

  5. Tach Happo !
    So am Morgen nach der großen Eröffnungs-Sause kann man glaube ich schonmal ein erstes Fazit ziehen !
    PREMIERE GELUNGEN !!!
    Barbesitzer UND Schriftsteller in EINEM !!
    Ich glaube mit diesem „Dingens“ haste jetzt endgültig Deine „Bestimmung“ gefunden …
    Sauber – Dranbleiben – uuuuuuuuund noch gaaaaanz viiiieeeel Spaß mit Deiner neuen Hütte !
    In diesem Sinne

    1. Huhu liebe Künstlerin,

      die Lisbeth muss ich auch noch näher kennen lernen. Bestimmt wird sie irgendwann mal mit einer Arbeitskollegin auftauchen 🙂
      Wirklich schön, dass Du hier vorbeischaust.
      LG natürlich an Boss Bernd

  6. Die Grüße werde ich ausrichten.
    Leider hat der Boss keine Zeit.
    NABU hat dazu aufgerufen die Vögel zu zählen. Jetzt zählt er ganz emsig.
    Am Wochenende hat er bereits 3 Schnapsdrossel und 2 Schluckspechte gezählt.
    Ich glaube die kamen aus Deiner kleinen Kneipe 😘

    1. Haha, ich hab lieder nur den Granufink gesichtet. 🙂
      Schluckspechte und Schnapsdrosseln sind schwer zu zählen, weil die extreme Richtungswechsel vollziehen.
      Bin sicher, Du könntest ein tolles Bild davon malen.

      Liebe Grüße

  7. Was für eine Besetzung!
    Happo, der Unkaputt-Bar-Mann, hinter dem Tresen
    Harry, der 7,5-Liter-Mann, davor
    Gilbert Becaud der 100 000-Volt-Mann, und
    Manfred, der Earth-Man, in der Wurlitzer
    dazu noch ein paar Pannemänner (wozu ich mich zähle)
    auf der Suche nach dem
    100-Tore-Mann für RWE.
    Da kann ja ncichts mehr schiefgehen…

  8. Bor geht es hier ab, sensationell, bin sicher das wird die geilste Bar wo gibt. Lauter prommis am Tresen, ach ne, Pannemänner sind auch vor Ort. Wünsche allen Gästen einen schönen Abend und viel Spaß.

    1. Irgendwann schließt sich doch wieder der Kreis.
      Schön, dass Du wieder dabei bist.
      Auf ein baldiges Wiedersehen!
      Lesen werden wir uns hoffentlich schon früher.

      Gruß an Frau und Kind. Was ich bisher gesehen habe, Du hast alles richtig gemacht!

    1. Haha, das siehst Du zu oberflächlich. 🙂
      Du weißt doch, alles hat der Wirt in den Griff bekommen, kaum Alkohol, keine Drogen, keine Zigaretten mehr, nur er war, ist und bleibt ein Workaholicer.

      Prost, Suse!!!

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