Na also, geht doch

Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, die fünf bestens gelaunten, jungen Damen belagerten die bis dato übersichtlich bevölkerte Theke der Unkaputt-Bar. Außerdem war erstmals einer der beiden von Tischlerguru Wollang Wolle handwerklich mustergültig präparierten Stammtische, mit drei Paaren mittleren Alters umzingelt. Arbeitstechnisch musste ich also zwei Gänge zulegen. Kein leichtes Unterfangen, vor allen Dingen vor dem Hintergrund, dass ich bei sämtlichen Geschicklichkeitsspielen bereits in der Vorrunde regelmäßig die Segel streichen muss. Doch wo ein Wille, da ein Weg.

Gigolo hatte sich kurz vor Eintreffen der flotten Fünf mit gesengtem Haupt und hängenden Schultern in Richtung Palast der Winde begeben. Nicht zum ersten Mal musste er seine Hoffnung auf eine glückliche Zukunft mit einer seiner zahlreichen Anonncen-Kandidatinnen-Damen begraben. Smartphone an, Beziehung aus. Kurz und schmerzlos. WhatsApp sei Dank. Keine unnötigen Erklärungen, kein Rumgeheule. Der Nächste bitte!

Aus dem Blickwinkel konnte ich Gigolos wundersame Wandlung, seinen extrem schnellen Heilungsverlauf erkennen. Kaum sichtete das knapp 169cm hohe Erotik-Paket die neuen weiblichen Gäste, dehnte er seinen Körper auf stattliche 173cm, brachte mit geschickten Handbewegungen die trendige Wet-Hair-Look-Frisur in Hochform, um mit breitem Lächeln und lässig, schaukelnden Gang die Aufmerksamkeit der Damenwelt auf sich zu ziehen. Vergebliche Mühe. Die Frau von heute (nicht Marietta Slomka, aber die auch) hält die Fernbedienung fest in ihren Händen, gibt den Takt an, entscheidet, wer ihr Reich betreten darf. Abschottung ist in.

Leicht enttäuscht dackelte Gigolo ohne Beute zu seinem Ursprungsplatz, zwischen Anarcho und Gauda. „Hömma, Gigolo, wenn Du schon so breit grinst wie eben gerade, dann putz vorher besser Deinen hässlichen Goldzahn blank“, lästerte Gauda. „Wie Goldzahn? Unser Schürzenjäger isst doch seine Frikadellen nur noch mit Goldblatt überzogen“. Anarchos Mundwinkel verzogen sich nach oben. Der Holländer legte nach: „Oder sein Zahnklempner hat ihm eine Golden Gate-Brücke eingebaut“. Gekicher. „Ich kann mir`s wenigstens leisten“, bockte Gigolo, dessen Name im Personalausweis mit Andreas Wannseife angegeben ist.

Gauda nahm langsam Betriebstemperatur auf. „Die Welt ist total bekloppt. Da soll et in Dubai einen Laden geben, wo eine Kugel Eis über 700€ kostet. SIEBENHUNDERT, FÜR EINE KUGEL, Leute. Völlig Panne“. Selbst Anarcho musste ihm zustimmen, schüttelte unmerklich sein graues Haupt inclusive Zopf. „Kapitalistenschweine, die“. „Lasse doch, wer hat der hat. Fehlt nur noch, dass man mir Vorschriften macht, was ich mit meiner Knete machen soll. Heuchler!“

Gigolos Einwurf kam für die beiden diskussionserfahrenen Hünen überraschend. „Mensch, Gigolo, wenn Du mal heiratest, dann hat das schnell ein Ende“. Gauda sprach aus Erfahrung. Mit einem Auge beobachtete ich das Geschehen meiner Kumpels. Die Dynamik solcher Gespräche kenne ich zur Genüge. Deeskalation war das Zauberwort. „Jungs, Goldblätter hab´ ich heute nicht im Angebot, aber wie wär`s mit ner Tüte Goldbärchen?“. Sechs Arme rissen mir die wertvolle Nahrung förmlich aus der Hand. Kurze Zeit später knisterte nur noch die Weingummi-Tüte, natürlich aus biologisch abbaubarem Material. „Happo, haste auch Goldkaffee auffe Karte?“, witzelte Anarcho.

Die Zeit verging wie im Flug. Der Damenclub zog in Hochstimmung weiter Richtung Disco. nicht ohne zu versichern, auf jeden Fall die Unkaputt-Bar erneut zu beglücken. „Tschüssi, Goldhamster, bis bald mal in diesem Kino“, zwinkerte die Längste den verdutzt dreinblickenden Gigolo zum Abschied zu.

Es war ein guter Abend, auch für unseren Herzensbrecher.

Happo

Auf einen Psyhopathen mehr oder weniger, kommt es nicht an.
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