Briefing

Endlich! Heute habe ich wie geplant – wenn auch verspätet – meine Wurlitzer-Musikbox mit einer Single beglückt. „The Letter“ von den Box Tops aus dem Jahre 1967. Reiner Zufall, diese Rille auf dem Flohmarkt entdeckt zu haben. Noch verdammt gut in Schuss die Scheibe, jedenfalls besser als ich. Mein Kopf wippt im Takt, zwei kurze Schritte vor …..und drei zurück. Die Bewegungen erinnern an Mumienschieben ohne Partnerin.

Gaudas Baritonstimme holt mich in die Gegenwart zurück.

„Haste auch gelesen, Yogi Löws ehemaliger Lieblingsschüler, der Deutsch-Türke, Mesut Özil, will seine Amine Gülse demnächst ehelichen. Und weißte, wen die eingeladen haben? Na, wen schon, SEINEN Präsidenten, den Rezept Erdogan!“.

„Recep Tayyik Erdogan! Wenn schon, dann richtig“.

Lisbeth Salander versucht gelangweilt zu klingen. Der Versuch ist zum Scheitern verurteilt. Jeder hier weiß aus zig Diskussionen, wie massiv der aktuell Knallgelbgefärbten, das Gesülze von Gauda bei solchen Themen auf den Keks geht.

„Was hackste dauernd auf den Mesut rum, lass ihn doch einladen, wen er will“.

Gauda spürt, dass Salander gesprächsoffen ist, zündet die nächste Nebelkerze: „Aber nicht so einen Diktator, einen Unterdrücker, der Journalisten einsperrt und so weiter“.

„Ach ne, das müsste Dir doch besonders gefallen. Wirst doch nicht müde von Lügenpresse zu schwadronieren, wenn mal wieder was Negatives über Rechtsträger und Konsorten berichtet wird“.

„Das ist doch ganz was anderes“, keift Gauda.

Irgendwer fehlt noch, denk ich. Ach ja, Anarcho, der müsste sich gleich einschalten. Na also, er steht bereits, hat den Handlauf vor der Theke mit beiden Händen fest umklammert.

„Holländer, klär mich mal auf. Warum fahren denn so viele Fußball-Mannschaften zum Trainingslager in das Land des Despoten, he?“

Gauda schaut seinen Kumpel genervt in die zu Schlitzen geformten, dunklen Augen.

„Fußball verbindet halt, tzzz“.

„Und was ist mit den Deutschen Touris? Türkei ist mittlerweile das drittbeliebteste Reiseland der Deutschen! Hauptsache billig, aber auf den Özil draufkloppen. Man, man, man“. Salanders Stimme erschallt mindestens eine halbe Octave höher, als gewohnt.

Gauda zuckt mit den Schultern. „Gibt halt auch unpolitische Mitbürger und Mitbürgerinnen. Außerdem muss die untere Mittelschicht ja auf jeden Cent gucken“, wiegelt der Kahlkopf ab.

„Haha, dann sind die vom Bundestag aber völlig unpolitisch. Wieso sonst liefern die massenhaft Waffen nach Ankara?“

„Kümmer Du Dich lieber um Deinen Freund Putin, Pferdeschwanzträger!“

Anarcho scheint auf diesen Einwand gewartet zu haben.

„So wie Dein Bayrischer Freund Seehofer?“, kontert er sichtlich zufrieden den Provokationsversuch eiskalt aus.

„Ich dachte eher an Harzerkanzler Schröder und Deine Linken Brüder“.

Lisbeth Salander grätscht dazwischen. Zu oft ist sie auf die Ablenkungstaktik von Gauda reingefallen.

„Du weißt schon, dass DITIB kein Wettanbieter ist, so wie, äh“, kurze Pause, „äh, XTip zum Beispiel“.

Ich drück lieber mal „A 1“ auf der Wurlitzer. „The Letter“ ertönt erneut.  

Beim Zurückgehen sehe ich, wie der bisher schweigsame Gigolo einen Brief in den Händen hält. Unser Lovehunter wirkt hochkonzentriert, wie billiger Orangensaft, scheint die handgeschriebenen Zeilen nach Fehlern zu überprüfen.

„Gigo, lass mal hören, biste wieder verliebt?“ Die Frage stelle ich bewusst in einer Lautstärke, die nicht unbemerkt bleiben kann.

Gigolo schaut leicht verlegen, wiegt ab, ob er das Geheimnis ausplaudern soll.

„Du hat mich mal wieder erwischst, Happo. Ja, ich habe mich verliebt. Ist aber noch gaaaaanz am Anfang, alles“.

Anarcho blickt auf den Briefumschlag. „Ohhh, ….. An Talya Elmas, Bielefeld“.

„Das gibt’s doch gar nicht“; staunt Gauda. „Unser Kleiner, liiert mit einer Türkin“.

Gigolo errötet unmerklich, antwortet jedoch nicht ohne Stolz. „Eine wunderbare Person, bildhübsch, intelligent und lieb. Studiert übrigens Psychologie. Bedarf besteht ja reichlich hier“.  

Gauda nickt anerkennend, hat seinen verständnisvollen Blick wiedererlangt.

„Wisst ihr was, auf diesen Schreck schmeiß ich ne Runde Döner Kebab. Happo, ruf mal den Hamit an!“

(So ne Krawatte hatte ich nie 🙂 )

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