Von schwarzen und anderen Löchern

Sitze momentan vor einem Haufen Papier. Quittungen, Rechnungen, Lieferscheine. Der reinste Horror. Ich soll alles sortieren und abheften. Fein säuberlich, versteht sich. Dazu hat mir Salander einen leistungsstarken Locher ausgeliehen. Man, was macht der Löcher. Lisbeth will später alles digitalisieren. Keine Ahnung wie, aber die kennt sich da super aus.

Gestern in der Bar drehten sich die Gespräche übrigens fast ausschließlich um Löcher. Natürlich war das erste Foto vom Schwarzen Loch im Universum der Ausgangspunkt. Wäre ich ein Astronom, könnte ich die Begeisterung darüber wohl besser nachvollziehen. Wahrscheinlich hab ich aber zu viele Löcher da oben.

Anarcho jedenfalls kam im Groben ebenfalls zu einer ähnlichen Erkenntnis. „Mensch Happo, das Foto ist DIE Sensation schlechthin. Ein bisschen mehr Begeisterung, bitte“.

Naja, ist halt alles realtiv, dachte ich, sprach es allerdings nicht aus.

„Also, für mich war sonnenklar, dass das Schwarze Loch schwarz ist“, warf Gauda ein, lieferte die Begründung gleich hinterher: „Warum sollte es denn sonst Schwarzes Loch heißen?“

Kollektives Achselzucken der Barbesucher und Besucherrinnen, unter ihnen Zahnarztgattin Sybille Karies-Zupf in Begleitung eines smarten Dentaleinrichtungsplaners, dessen Namen ich vergessen habe.

„Ich weiß nur, ich muss erst mal ein großes Loch in meinem Portmonee stopfen“, beendete Anarcho das kurze Schweigen.

„Wie das?“, fragte Smarty übertrieben interessiert.

„Erst füllte mir der Karies-Zupf das Loch im Zahn und anschließend, füllte er seine Kasse auf, so richtig üppig, versteht sich von selbst“.

Smartys Lächeln verschwand. Kurze Zeit später verschwanden Beide. Die wär` ich dann ja wohl auf Dauer los.

Anarcho ging auf, dass er mir eine solvente Einnahmequelle zugedreht hatte. Seine Körpersprach deutete jedenfalls darauf hin. „Ich weiß, ich bin manchmal ein Arschloch“.

Diesmal kollektives Nicken.

Dank dreier Lokalrunden, eroberte sich Anarcho seinen durchweg hohen Stellenwert bei den Stammgästen zurück. Bei mir auch.

Weiter gings mit dem Loch.

„Glaubst Du, dass es das Ungeheuer von Loch Ness wirklich gibt?“.

„Loch Nass?“

„Nein, Gigolo, Ness ist schon richtig. Schalte mal ab“, warf Salander ein.

„Ach, ich kann nicht so richtig abschalten. Befinde mich mal wieder in so einem seelischen Loch“.

„Och“. Gaudas Anteilnahme hielt sich in Grenzen.

„Mann, sei froh, dass Du Single bist, Deine Freiheiten in ner sauberen, ruhigen und vor allen Dingen b e z a h l b a r e n Zwei-Zimmer Wohnung genießen kannst und nicht in so´m Drecksloch hausen musst, wofür dann auch noch Horrormieten verlangt werden“.

Gigolo kam erneut ins Grübeln, gestand letztendlich mit einer Träne im Knopfloch ein: Diesmal lag Gaudo gar nicht so falsch!

Zu fortgeschrittener Stunde herrschte Aufbruchstimmung. Kampfrentner Pauke, vorhin noch mit einigen ehemaligen Untergebenen für einen kurzen Plausch in die Bar reingezwitscht, wackelte laut hustend an der Theke vorbei.

„Mensch Pauke, das hört sich aber nicht gut an. Du pfeifst ja aus dem letzten Loch“.

„Hör bloß auf. Ich bin da“……

Pauke ließ uns an einer erneuten lautstarken Hustenattacke teilhaben, fuhr dann fort: „Das hab ich nun davon, jahrelang im staubigen Archiv hunderte von Lochkarten abgeheftet zu haben. Jezz wollen se das nicht als Berufskrankheit anerkennen, die A-Löcher vone BG“.

Röchelnd verabschiedete sich der ehemalige Vorzeige-Malocher von den Gästen der Unkaputt-Bar.

Ahh, da kommt Salander – und zwar wie gerufen. Hab´ nämlich alles gelocht.

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