Rechtfertigung

Gigolo machte gestern mal wieder einen angeschlagenen Eindruck, wirkte ziemlich verunsichert. „Stell Dir vor, vorhin steht neben mir an der Bushaltestelle ´ne richtig rassige, junge Schönheit, lässt eine Zigarette zwischen Mittel- und Zeigefinger geschickt, fast schon erotisch, sag ich mal, hin und her kreisen. Ich also hin, zauber mein Feuerzeug gewohnt galant aus der Hosentasche und beginne die Eroberungsrede mit der Frage aller Fragen:  Darf ich Ihnen Feuer geben?“

„Sehr einfallsreich, Top!“, meldete Salander sich zu Wort, beide Daumen Richtung Decke gestreckt.

„Lass mich raten, die Dame hat sich augenblicklich in Dich verliebt“.

„Quatsch“, wiegelte Gigolo ab. „Die Irre keift mich volle Breitseite an. Wie ich dazu käme, sowas überhaupt zu fragen, gerade jetzt, wo doch Notre Dame einem Flammenmeer zum Opfer gefallen wäre“. 

Gigolo fasste sich an die Stirn, schob eine dicke, gegelte Haarsträhne zurück auf den Kopfdeckel.

„Dumm gelaufen“, entschlüpfte es Salander.

„Das mit dem Feuer in Notre Dame ist aber auch eine Katastrophe, für die Franzosen ein Drama, geradezu ein Stich in ihr Herz, ein unmenschlicher Schmerz“. Der Einwand kam von der linken Thekenseite. Gabriel Rebenstock, Inhaber eines kleinen, aber feinen Weinfachgeschäftes hier ganz in der Nähe, erläuterte im ruhigen Tonfall, wie die Franzosen wirklich ticken.

„Jaja, ich weiß, Notre Dame, DIE Kathedrale schlechthin! DAS Wahrzeichen der Westlichen Welt! DAS Erbe der europäischen Kultur!“. Gauda atmete schwer durch. Für ihn nicht ganz nachvollziehbar, welche Hysterie um dieses mittelalterliche Bauwerk entstanden sei.

„Ist jemand gestorben?“, grantelte er den „Pariser“, wie Gabriel Rebenstock allgemein genannt wird, von der Seite an.

Dessen vorheriger, ruhige Tonfall klang nun nicht mehr ganz so souverän. „Die meisten Franzosen trauern um dieses Bauwerk, wie um einen Menschen. Für grobe Klötze ist das natürlich nicht nachvollziehbar“.

Ohne jegliche Vorwarnung, schaltete sich Anarcho in die Debatte ein, ergriff – für mich völlig überraschend – Partei für Gauda.

„Mag sein, dass es erschütternd für ein Volk sein muss, mitanzusehen, wie eines ihrer Wahrzeichen das Zeitliche segnet, aber Notre Dame ist alles, aber ganz sicher nicht ein Symbol für Frieden und Demut, eher für Macht und Prunk der katholischen Kirche“.

Lisbeth Salander ließ sich nicht lange lumpen, legte noch ´ne Schüppe drauf: „Mich nerven die Beileidsbekundungen der politischen Elite. Notizen-Armin hat ein Spendenkonto eingerichtet, Steinmeier ist jetzt Franzose, Angi will Fachkräfte schicken,…ich dachte immer, wir haben Fachkräftemangel…. und sogar uns Söderle, DER Europäer vor dem Herrn schlechthin, bietet Bayrische Steinmetze für den Wiederaufbau an. Man kann es auch übertreiben, bei allem Verständnis“.

„Abwarten“, winkte Gauda ab, „wollen wir mal sehen, was am Ende wirklich davon eingehalten wird. Wahrscheinlich wieder nur hohle Phrasen. Reicht doch, wenn sie Bodo mit dem Bagger oder Bob, den Baumeister, für die Kathedrale abstellen“.

Rebenstocks Franzosen-Mütze hing längst auf halb-acht. „Ihr mit eurem Kirchturmdenken. Die ganze Welt trauert und fühlt mit den Franzosen, nur hier hat niemand was damit am Hut“, resignierte der Pariser mit zitternder Stimme, versuchte es trotz ziemlich aussichtsloser Lage, erneut, mehr Zustimmung zu erhaschen.
„Meint ihr, all die ganzen Spender sind kein Indiz für die riesige Tragweite dieses erschreckenden Feuerdramas?“

Unsicher blickte er in die Runde.

Anarcho beeilte sich, seine Mutmaßungen über die Motive der Spender und Spenderinnen, loszuwerden. „So edel sind die ganzen Geldnasen doch gar nicht. Hab gelesen, die können von der Spendensumme 60% an Steuern wieder einkassieren. Wie edel!“

„Die verzichten doch darauf“. Rebenstocks kreischte mehr, als dass er sprach.

Für mich das Siganl, einzuwirken. Ursprünglich hatte ich als Rausschmeißer Arthur Browns „Fire“ auserkoren, entschied mich dann aber aufgrund seiner deeskalierenden Wirkung, für John Lennon und seinem „Give Peace a Chance“. Der Pernod auf Kosten des Hauses, tat ein Übriges, um den Abend einigermaßen friedlich ausklingen zu lassen.

Happo

Auf einen Psyhopathen mehr oder weniger, kommt es nicht an.