Lisbeth liest

Sokrates war ein kluger Mann. Ich meine nicht den genialen brasilianischen Mittelfeldstrategen, sondern den großen, weisen, alten Griechen. “Je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich, dass ich nichts weiß.” Immerhin weiß ich, dass dieses Zitat von ihm stammt. Ergo bin also etwas klüger, als der berühmte Philosoph. Na logisch!

Als Bar-Besitzer ist es wichtig zu wissen, was in der Kasse ist, was letztendlich übrig zum Leben bleibt. Dank der neuesten Studie der Hans-Böckler-Stiftung, weiß die Allgemeinheit nun, dass die Ruhrgebietsstädte zu den einkommensschwächsten der Republik gehören.  Den Osten gibt es auch im Westen. Wayne wunderts?

Warum erzähl ich euch das alles? Ganz einfach, weil ich es gelesen habe. Lesen bildet, könnte man meinen. Wobei es wohl auch darauf ankommt, was man liest.

Es war ausgerechnet Salander, die mir pünktlich zum UNESCO-Welttag des Buches, ein paar brandneue Romane zum Schmökern überreichte. Aus Papier wohlgemerkt. Ausgerechnet Salander, unsere Hackerin vor dem Herrn, die Königin aus dem Digital.

„Wo haste die denn aufgegabelt?“, wollte ich von ihr wissen.

„Na wo wohl? Aus dem Buchladen natürlich. Käuflich erworben. Wennze willst, kannste die Quittungen auch noch mitlesen. Tzzzz…“.

Lisbeth gab sich keinerlei Mühe, ihren Unmut zu verbergen.

„Immer diese Vorurteile. Vergiss nicht, ich bin eine Frau, ich kann mehr, als nur eine Sache“, schnippte sie mich an.

„Schon gut, sorry, Lisbeth, ich hätte es besser wissen müssen“, versuchte ich die Wogen zu glätten, senkte dabei demütig den Blick auf die Theke. Das wirkte.

Mit einer fließenden Bewegung positionierte ich die mitgebrachten Exemplare vor mir auf, griff nach dem obersten Buch und betrachtete das Cover.

„Der Quantensprung des Tausendfüßlers.“. Eigenartiger Titel.

Salander bemerkte meinen fragenden Blick. „Ist ein tolles Jugendbuch, aber ebenso für Erwachsene geeignet. Geht da um einen ziemlich trägen, eher schon faulen Tausendfüßler, der sich einfach kein Bein ausreißen will, um sein Ziel zu erreichen“.

„Ach so“, erwiderte ich nickend, um Salander zu signalisieren, ich habe verstanden.

„Schau Dir das mal an!“ Lisbeth hielt mir das nächste Buch vor meinen Augen.

„Die Anreise mit der Retourkutsche“, so der Titel des Lesestoffes. Diesmal las ich sicherheitshalber den Text auf der Rückseite.

„Oh, interessant, hätte nicht vermutet, dass es hier um die Kunst, erfolgreich Streitgespräche zu führen, geht“.

„Vergiss nicht, auch zwischen den Zeilen zu lesen“, ermahnte mich Lisbeth.

Als Nächstes blätterte ich in einem Kinderbuch mit vielen lustigen, bunten Zeichnungen. 

„Ach, sorry Happo, das Buch ist gar nicht für Dich. Das hab´ ich für Gauda mitgebracht. Damit der mal was anderes, als Todesanzeigen und Sportnachrichten liest“. Salanders Schmunzeln war unübersehbar.

„Haha, das ist genau das Richtige für unseren Niederländer“, kicherte ich. „Dreikäsehoch in Holland“, was für ein Zufall.

„Hast Du auch was für Anarcho?“, wollte ich von Salander wissen.

„Man, hör auf, Anarcho ist derzeit mal wieder voll auf einem Anti-Trip, der wettert gegen Gott und die Welt. Wenn der was liest, dann höchstens die Leviten“.

„Und Gigolo studiert ausnahmslos Kontaktanzeigen. Auslastungsquote mindestens 100%“, erwähnte ich ergänzend an, blickte dabei auf die letzte, schätzungsweise 1200 Seiten umfassende Lektüre, aus Salanders gesponserter Sammlung.

„Richtig schwere Literatur“, versuchte ich witzig zu wirken, als ich das Monster-Werk mit beiden Händen ergriff. „Ein richtig fetter Schinken. Wohl eher nix für Vegetarier“.

Salander verzog kaum merklich ihre Mundwinkel.

„Jetzt mal ernsthaft, Barmann. Diese Schwarte ist Dir auf den Leib geschrieben. Spannend, brisant, niemals flach, nicht ohne Humor, aber doch tiefsinnig. Lesegenuss pur“.

Dermaßen in die Enge getrieben, riss ich mich zusammen, um bloß keine falsche Aussage zu tätigen.

„Edward mit den Scherenhänden im Fingernagelstudio“.

Keine Ahnung, ob das ein Horror ist, so was in der Art wie von Edgar Allan Poe, oder ein Thriller. Aber gedacht hatte ich: Leck mich anne Fott.

Happo

Auf einen Psyhopathen mehr oder weniger, kommt es nicht an.