Und was ist mit Tee?

Wer hätte das gedacht, dass Happo auch noch Kaffee macht? Naja, so ganz überraschend ist die Entwicklung nun auch wieder nicht. Seit Januar brutschelte der Plan, wenn auch auf Sparflamme, wenigstens hin und wieder, dann, wenn Markttag ist, die Bar vormittags zu öffnen.

Im Angebot, frisch zubereiteter Filterkaffee, Frühstücksgedecke für klein und groß, für Gebissträger und Zahnlose, für Diabetiker oder Hypertonis, für Korpulente und Bohnenstangen, für Hutträger ebenso wie für Wuschelköppe, kurz, für das gemeine Volk.

Ohne die fantastischen Vier – Salander, Gigolo, Anarcho und Gauda – hätte ich meinen Gästen und Gästinnen noch nicht mal was für den hohlen Zahn anbieten können. Was die alles angeschleppt haben, vor der Maloche wohlgemerkt. Wahnsinn!

Ich will euch jetzt nicht mit Einzelheiten langweilen, also, welche Leckereien und Spezialitäten das Frühstücks-Buffet umfasste, ich sag nur eines:  Kein Ei dran, aber legger. Verdammt legger! 

Zum Glück sprang die gute Frau Kruste, ansonsten Aushilfskraft bei Bäcker Brösel, spontan als Kellnerin in die Bresche. Doppelter Mindestlohn plus zwei Pinnchen Doppelkorn, mein verhältnismäßig bescheidener Dank für die unbezahlbare Hilfe.

Ich hatte mit vielem gerechnet, nicht jedoch mit solch einem Ansturm von überwiegend, nein, fast ausschließlich Damen mit einigen Jahren Lebenserfahrung auf den Buckeln und ´ner Menge grauer Haarpracht auf den Köpfen, um es mal galant auszudrücken. Ein älterer, überschlanker, kleinerer Herr mittendrin.

Etwas wackelig auf den Beinen, steuerte die mit Gehstöcken und Rollatoren bewaffnete Armada beide große Tische vor dem Fenster an.

Zum Glück unfallfrei. Die beiden Rollatoren parkte ich nach höflicher Rücksprache mit den streng dreinblickenden Besitzerinnen, rechte Flanke neben der Theke.

Frau Kruste hatte das richtige Näschen und so lief im Hintergrund, Eric Silvester´s Mega-Hit „Zucker im Kaffee“.  

„Herr Wirt, was ist das denn für ein Senioren-Schlaflied. Wie wär´s mit „Old Town Road“ von Lil Nas X?“, krächzte die stämmigste, anscheinend Anführerin des Schneekoppen-Clans in meine Richtung.  

Mein blöder Gesichtsausdruck blieb der Gouvernantin nicht verborgen. „Ist derzeit die Nummer Eins inne Hitliste, seit Wochen“, klärte sie mich im Brustton der Überzeugung auf.

Dank Salander konnte ich den Wunsch nach wenigen Klicks auf der PC-Tastatur erfüllen. Ruckartige Oberkörper- und etwas unbeholfen wirkende Armbewegungen waren die Folge. Der Spaßfaktor wuchs, auch bei mir.

„Käthe, überteib´s nicht, sonst nehmen sie Dir den Schwerbehindertenausweis weg“.

„Sollen ´se doch, Resi, ich hab´ zwei davon“.

Lautes Gelächter, nahm ich jedenfalls an, dass es sich um Lachen handelte, erfüllte die Bar.

Nur der kleine Herr schien es nicht verstanden zu haben. „Waaas?“

„Ach, Günter, haste wieder Dein Hörgerät ausgeschaltet?“. Die Dame neben Günter verdrehte dabei leicht die Augen.


„Das ist Maria, seine Gattin“, flüsterte mir Frau Kruste in das linke Ohr.

Gefrühstückt wurde natürlich auch. Die Brötchen gingen weg wie warme Semmeln. Ohne auf die Uhr geschaut zu haben, schätzungsweise eineinhalb Stunden dauerte die Sättigung.

Ein fetter Rülpser von Günter („Mein Gott, Günter), beendete die Fütterung der Raubtiere.

„Und was ist mit Tee?“, wollte Waltraud von Tisch zwei wissen.

„Dafür ist heute keine Zeit mehr, Herr Happo, bringen sie uns doch eine Runde Pils und einen für den Magen!“

„Gute Wahl, Waltraud“, antwortete die überwiegende Mehrheit mit Blickrichtung Gouvernante.    

„Ich will Bonanza sehn“, forderte Günter.

Reaktionen blieben aus.

Die Gespräche drehten sich um Gott und die Welt. Ich krieg nur noch einen Bruchteil davon zusammen. War wirklich äußerst schwierig herauszufiltern, wer mit wem redete.

„Haste gelesen, das Baby von Prinz Harry und Meghan Markle“…,

„Merkle?“

„NEIN, Markle, also, das Baby heißt Archie Harrison Mountbatten-Windsor“.

„Boor, ganz schön viel Name für so wenig Mensch“, kicherte Rosi mit weit geöffneten Lippen und gab so einen tiefen Einblick in ihr Innerstes frei.

Waltraud übernahm nun wieder lauthals das Kommando.

„Ich war gestern bei Dr. Hintersee, dem Proktologen, na wegen meiner Fistel, ihr wisst schon, am Hintern“.

„Und?“, wollte Käthe wissen.

„Nix und. Der hat mich wieder weggeschickt. Ich soll erst eine Überweisung von meiner Hausärztin holen“.

„Das hast Du Dir gefallen gelassen?“, wunderte sich Käthe.

„Ohh, ich hab dem so richtig meine Meinung gegeigt, aber das ging dem wohl am Allerwertesten vorbei“.

So in der Art ging es noch eine geraume Zeit weiter. Bis dann urplötzlich Aufbruchstimmung herrschte.

Auffällig, die meisten der Frühstücker überzeugten durch sicheres Auftreten. Wackler kaum noch sichtbar. Was eine gute Unterlage doch bewirken kann. Brav und ohne zu maulen, bezahlten sie ihre Rechnungen.

Nur Günter schien kein eigenes Geld beizuhaben. Armer Kerl, dachte ich.

Im Herausgehen zwinkerte er mir zu. „Ich tu nur so, als ob ich nix höre. Der Günter ist schlauer, als die Glucken denken“. Sprachs und drückte mir einen Zwanni in die Hand.

„Bis bald“.

Ich hatte die Worte noch nicht ganz verdaut, als die Tür erneut aufsprang und Gouvernante Waltraud mit einer anderen betagten Dame im Arm die Bar betrat.

„Margarete hat ihren Rolli vergessen“.

Happo

Auf einen Psyhopathen mehr oder weniger, kommt es nicht an.