Bar Umbaumaßnahmen

Aus Erfahrung wird man klug. Oft trifft diese Redewendung zu. Bei mir eher selten.

Erfahrungen mit der Unkaputt-Bar habe ich nun einige Monate gesammelt. Ob es klug ist, den Blog „Thekengespräche“ zu beenden, weiß ich nicht wirklich.

Entscheidend ist, ich werde es umsetzen. Nicht, weil mir das Schreiben hierfür keinen Spaß mehr macht – im Gegenteil  – doch es wird immer deutlicher, dass die beiden Themenschwerpunkte Rot-Weiss Essen und eben die besagten Thekengespräche nicht  so recht zusammenpassen.

Den Schwerpunkt wollte ich eigentlich auf Geschichten aus Politik und Gesellschaft legen, RWE sollte eine Nebenrolle spielen. Das funktioniert(e) nicht wirklich, denn die meisten LeserInnen hier, sind nun mal Fans dieses Kult-Clubs.

Besser ist es, die Dinge sauber zu trennen.

Das Forum allerdings bleibt davon unberührt. Nach wie vor kann dort über Gott und die Welt geschrieben werden.  Darauf möchte ich nicht verzichten. Auch das Gästebuch steht weiterhin zur Verfügung.

Wer im Forum mitmachen will, muss sich einmalig registrieren und kann anschließend nach dem Einloggen, seine Beiträge verfassen. Egal, zu welchem Thema.

Für Newsletter-Abonennten der Thekengespräche ändert sich eigentlich nichts, denn es erscheinen keine Beiträge mehr, ergo werden auch keine Mails mehr versendet.  Neu-Abonennten sind jederzeit herzlich willkommen.

Das Erscheinungsbild der Homepage wird sich nicht grundlegend ändern. In den nächsten Tagen werden lediglich einige Änderungen (Text, Bild) vorgenommen.

Ein Hinweis noch für die „Auschließlich-Thekengesprächs-LeserInnen“:  Tut mir leid, euch wohlmöglich enttäuschen zu müssen.

Die weiteren Aussichten: Auf vielfachen Wunsch einer einzelnen Person, werde ich mich bald ernsthaft an das Schreiben eines Buches heranwagen. Wenn es jemals herauskommen sollte, dann kriegt ihr ein Exemplar. Das ist eine Drohung.

Wir lesen uns. Die Frage ist nur, wo!

Danke und Gruß

der Happo

Im Torrausch der Tiefe

Ich kann ja ne Menge ab, aber nicht diese verdammte Hitze. Besser, ich schließ die Bar für ein paar Tage und suche Abkühlung im kühlen Nass.

Oder ich fahr nach Graz, da, wo die Unterwasserrugby-WM bald startet.  Für Zuschauer ideal.  Anfeuern unter Wasser. Nur den Mund sollte man da nicht so voll nehmen. 

Warum erzähl ich euch das eigentlich? Naja, ich hatte das große Glück, den Bundestrainer der Deutschen Unterwasserrugby-Nationalmannschaft im Auftrag der Funke Medien Gruppe interviewen zu dürfen. Dürfen, weil sich Wilhelm Nier (der Kautsch) als ein ungemein sympathischer, hochintelligenter und überaus gastfreundlicher Gesprächspartner entpuppte.

Heute erschien der Artikel über Wilhelm Nier und seinen Sport unter dem Titel “Im Torrausch der Tiefe” in den Printmedien der Funke-Medien Gruppe.

Nicht alles konnte ich unterbringen, was ich bei dem Treffen erfahren habe. Mein Interesse an dieser Randsportart ist auf jeden Fall geweckt worden.

Hier meine niedergeschriebenen Zeilen aus der  Presse, ergänzt mit einigen beeindruckenden Fotografien von Konstatin Killer.

 

Im Torrausch der Tiefe

Unterwasserrugby Weltmeisterschaft

von Helmut Tautges

In Deutschland gibt es neben Joachim Löw vor und während großer Turniere bis zu 80 Millionen Fußball-Bundestrainer, während die Herren-Unterwasserrugby-Nationalmannschaft von einem einzigen, allerdings nachgewiesenen Fachmann trainiert wird, von Wilhelm Nier. Genauer gesagt, von Dr. Wilhelm Nier.

„Wasser ist mein Element“, bekennt der 1961 in Mülheim geborene Diplom-Biologe, und ist ganz in seinem Element, wenn das Thema auf seinen Lieblingssport zur Sprache kommt. Eine Seltenheit, gibt der Wahl-Krayer unumwunden zu, denn Unterwasserrugby – kurz UWR genannt – ist eine Randsportart, von der die Öffentlichkeit kaum Notiz nimmt.

Auch Wilhelm Nier machte eher durch Zufall Bekanntschaft mit dieser Sportart. In jungen Jahren schwor er auf Disziplinen wie Judo und Taekwondo. Kniebeschwerden zwangen ihn, sich eine andere sportliche Herausforderung zu suchen. Zunächst probierte er es mit Schnorcheln. Bei einer Übungsstunde im Mülheimer Südbad fand zeitgleich ein Training der Unterwasserrugby Mannschaft des TSC Mülheim statt. Seine Neugier war geweckt und schon kurze Zeit später mischte er im Team munter mit. Ausgestattet mit Tauchermaske, Schnorchel, Schwimmflossen, Ohrenschutzhaube, sowie der mit eigener Spucke präparierten Taucherbrille, stürzte sich Neuling Wilhelm ins Becken. Bereits im ersten Einsatz gelang ihm das Kunststück, den salzwassergefüllten Kunststoffball in den am Boden befestigten Stahlkorb zu befördern. Ein genialer Einstand! Man schrieb das Jahr 1979. Heute, 40 Jahre später und trotz eines Herzinfarktes (2017), findet man seinen Namen weiterhin auf dem Spielbogen der zweiten Bundesligamannschaft vermerkt. Bezeichnend für sein Naturell, seinen Ehrgeiz.

„Ich weiß schon, was ich meinem Körper zumuten kann und darf“, entkräftet er gesundheitliche Bedenken, dem Herz zu viel zuzumuten. Kommt glaubhaft herüber, denn im Hauptberuf bei Bayer Pharmaceuticals, schult der „Doc“ Mitarbeiter schwerpunktmäßig zu den Themen Blutgerinnung, Herz-Kreislauf, Antiinfektiva.

 

Seit 1999 ist Wilhelm Nier Bundestrainer, erledigt Aufgaben wie Kaderzusammenstellung, hält Lehrgänge ab, führt Gespräche mit Vereinstrainer, schaut und analysiert Videos von internationalen wie nationalen Begegnungen, arbeitet Trainingsmethoden aus, entwickelt neue Taktiken, und, und, und. Die Aufgaben sind vielfältig sowie zeitintensiv. Ohne Hilfe von Co-Trainern, nicht zu meistern. Alle Beteiligten arbeiten ehrenamtlich, Geld ist mit der ungewöhnlichen Korbjagd unter Wasser nicht zu verdienen.

„Bei Unterwasserrugby steht der Wettkampf an erster Stelle. Die Spieler vermarkten sich nicht, sie treiben Sport pur“, betont Dr. Nier nicht ohne Stolz, bedauert gleichzeitig, dass in der „Sportstadt“ Essen keine offiziellen Unterwasserrugbybegegnungen stattfinden können, weil kein Hallenbad die geforderten Spielraummaße für den einzigartigen, dreidimensionalen, 2 x 15 Minuten andauernden Wettkampf aufweist.

Für den Bundestrainer ist dieser, im wahrsten Sinne des Wortes, atemberaubende Mannschaftssport, auch wegen seiner Vorreiterrolle für die Gleichberechtigung beispielhaft. „Männer wie Frauen spielen gemeinsam in einem Team, jedenfalls national. Das weibliche Geschlecht wird sportlich fair, aber ebenso hart angegangen, wie die gegnerischen, männlichen Kontrahenten“.

Anders als üblich, achten zwei Schiedsrichter im Wasser und ein Referee im Trockenen, auf Einhaltung der Regeln. Zuwiderhandlungen wie Kratzen, Beißen, Schlagen oder das Festhalten an der Ausrüstung, werden durch Betätigung von elektrischen Hupen signalisiert und unterbunden.

Vermarktungstechnisch ist sicherlich noch einiges zu verbessern. So schreiben die Regularien vor, dass eine Mannschaft – übrigens bestehend aus zwei Torhüter/Innen, zwei Verteidiger/Innen, zwei Angreifer/Innen, sechs Auswechselspieler/Innen sowie drei Ersatzleuten – in blauer oder weißer Spielkleidung antreten muss. „Ein bisschen mehr Farbvielfalt sollte schon erlaubt sein“, meint auch Wilhelm Nier.

In den nächsten Wochen wird die Arbeit intensiviert werden, denn die WM in Graz steht vor der Tür. Mit bescheidenen finanziellen Mitteln gilt es, die Nationalmannschaft top-fit und konkurrenzfähig gegen Teams wie die favorisierten Norweger oder Finnen antreten zu lassen.

Sollte die deutsche Nationalmannschaft trotz bester Vorbereitung, den WM- Titel nicht holen, eines ist gewiss:

Am Trainer lag es nicht!

 

 

 

 

 

Mobbing-Ball

 

Man, was bin ich froh, heute mal durchzuhängen, einfach nur die Seele baumeln zu lassen. Zu regenerieren. Durchzuatmen. Zu entspannen, relaxen und in mich zu kehren.

Nicht wie Paul, genannt Panter. Der hatte gestern richtig einen inne Klotschen, kehrte schon mächtig angeschlagen in die Bar. Heute muss er mit dickem Schädel und neuem Besen (wie er gestern versicherte), diverse Bürgersteige dieser, unserer, Stadt säubern. Sein Kehrpaket bestand im Übrigen aus Samtkragen, Pils und Bullette.

„Mensch Panter“, rief Gauda dem leicht schwankenden Städtischen Angestellten zu, „hoffentlich kriegste heute noch rechtzeitig die Kurve“.

„Keine Sorge, Holländer. Gehört alles zum Trainingsprogramm“, sprachs und leerte Kurz und Lang hintereinander aus, unterdrückte ein Bäuerchen, suchte seiner Mimik zufolge nach den richtigen Worten.

„Hab endlich den idealen Sport für mich entdeckt. Zuiquan! Echt geil, Alter, wär auch was für Dich.“

„Zui watt? Noch nie gehört, watt soll´n dat sein?“, fragte Anarcho.

„Na, das ist ´ne ganz spezielle chinesische Kampfsportart. Da muss man so tun, als wäre man betrunken, also schwanken und wackeln und so und dann….. PATSCH, schlägste zu“.

Sein angedeuteter Punch wirkte nicht unbedingt kontrolliert, verfehlte die auf der Theke platzierten Gläser glücklicherweise aber um wenige Zentimeter.

„Ernährungstechnisch könnte das was für mich sein, stimmt, Paul, aber es geht nix über Völkerball. Kerl, was hab ich das früher geliebt, zu spielen“, schwärmte Gauda.

„Dann beeil Dich mal, falls Du ein Comeback planen solltest. Völkerball wird doch bald verboten. Hab ich jedenfalls gelesen.“.

„Da packste Dich doch am Kopp, echt jetzt. Legalisiertes Mobbing soll das sein. Behauptet so eine kanadische Pädagogin“, bellte Gauda, um dann lautstark seinen Unmut fortzusetzen. „Ausgerechnet die Kanadier sprechen von Jagdszenen beim Dodgeball. AUSGERECHNET. Da frag ich doch gleich mal bei den Ureinwohnern nach, was die davon halten“.

„Oder frag die Robben“, warf Salander ein.

„Beim Sport geht’s doch immer ums Gewinnen, ums Siegen. Wer das nicht abkann, sollte halt Walken oder Wandern, aber keinen Mannschaftssport betreiben“, ergänzte Gigolo.

„Oder Synchronschwimmen, ne, Lisbeth?“, kicherte Anarcho.

„Wie, dachte Lisbeth reitet auf ihrem Besen dem goldenen Schnatz hinterher“.

Vereintes Männerlachen erschallte. Auch Paul, der Panter, krächzte lauthals mit.

Lisbeth Salander ließ sich nichts anmerken, zuckte lediglich mit der linken Augenbraue: „Naja Jungs, sportlich seht ihr schon aus, immer den Medizinball unterm Shirt, was?“.

Die Bemerkung trug zur allgemeinen Beruhigung bei. Kurzfristig.

„Schon gut, Gigolo, Du bist die Ausnahme. Schlank sein, geht auch ohne Sex“.

Der verzog empört die Mundwinkel, entschied sich aber dann doch, zu schweigen.

Lisbeth hatte die Leitung der Diskussion übernommen. Wie sooft.

„Halten wir fest“, dozierte sie betont herablassend. „Völkerball ist eine Trennsportart. Punkt. Mein Tipp für euch, Männer, treibt Plogging. Liegt voll im Trend. Müllsammeln beim Joggen. Passt wunderbar in die Zeit. Ploggen ist wahrlich ein sauberer Sport“.

In Panter Paul´s Stirn bildeten sich Falten.

„Nee, fangt bloß nicht mit so einem Mist an. Nachher werde ich noch arbeitslos“, klatschte einen Fuffi auf die Theke, verabschiedete sich wankend und schulterklopfend in Richtung Ausgang.

„Muss morgen ploggen, Leute“.

Rad ab

Letzte Tage hatte ich Besuch von einem früheren Bekannten. Marke flüchtig. Der Zufall wollte es so, dass er den Weg in die Unkaputt-Bar fand. Max sein Name. Er schien nicht gut drauf zu sein.

„He, Happo“, stupste Gigolo mich an. „Der erinnert mich an den Scheuer, irgendwie. Meine Güte, zieht der ein langes Gesicht“.

„Jetzt wo Du es sagst. Der Scheuer zieht bestimmt auch ´nen langes Gesicht, aber das da ist Max, Spitzname Hotte“, antwortete ich im Flüsterton, fast ohne meine Lippen zu bewegen. Bauchrednerähnlich. „Haha, Hotte-Max. Ein Mann, den sie Pferd nannten“, kicherte Gigolo.

Max, das Scheuer-Double, putzte mechanisch die Gläser seiner Designer-Brille, als die Eingangstür aufschlug und Gauda wie einst Käpt´n Ahab, humpelnd die Theke anvisierte. Sein linker Fuß dick eingegipst.

„Das gibs´ doch nicht, Gauda. Was ist denn mit Deinem Fuß passiert?“

Gauda hievte sich schwer atmend auf seinen angestammten Barhocker.

„Ich, völlig tiefenentspannt heute Morgen auf dem Weg zu meinem Parkplatz, malochen, klar, wie jeden Tag. Da fährt mich so ein bescheuerter E-Tretrollerfahrer beinahe über den Haufen. Ich hol aus, will dem Idiot in seinen Allerwertesten treten, treff´ aber nur den Rahmen vom Hinterrad. Ergebnis seht ihr ja“. 

In einem Zug leerte der Holländer das frisch Gezapfte, wischte sich den Schaum von den Lippen, blickte in die Runde und sah zum Scheuer-Double.

„Ist das da Scheuer oder El Caballo?“

Bevor ich antworten konnte, schaltete sich Lisbeth Salander in das Gespräch ein.
„Den Scheuer haben sie immerhin zurückgepfiffen, von wegen, E-Tretroller auf Gehsteigen fahren zu lassen“.

„Jau, wie Videobeweis beim Fußball“, säuselte Anarcho.

„Nur bei der Maut hat das nicht geklappt. Da hadder so richtig einen auf die Klappe gekriegt.“

„Ein irres Prestigeprojekt. Völlig Banane. Bananenrepublik Deutschland“, erwiderte Gauda auf Anarchos Einwand.

„Bananenrepublik Bayern“, beharrte Gigolo.

„Dreistelliger Millionenschaden, das muss man sich mal vorstellen. UNVORSTELLBAR!“

Lisbeth hielt kurz inne, nippte an ihrem Glas Mineralwasser Medium.

„Warum glaubt ihr, wird ausgerechnet jetzt das Thema Fahrverbote in Tirol so hochgespült? Lenkt doch fantastisch vom eigenen Versagen ab. Die klagen gegen uns, wir klagen gegen die. Und irgendwann einigen sie sich in Klagenfurt“.

Anarcho richtete seinen Blick auf Lisbeth. „Unterschätz mal nicht unseren Andreas. Der ist mit allen Wassern gewaschen. Ein politisches Schachspiel-Genie. Wenn sein Plan aufgeht, Autofahrer ohne Zusatzprüfung leichte Motorräder fahren zu lassen, dann reisen die durch Tirol und müssen nur die Hälfte an Maut bezahlen. Na, wat sachste jetzt?“

„Genial, einfach genial“, lobte Lisbeth, „eine Motorrad-Vignette, wenn ich die nicht hätte“.

„Dafür hat er einen Doktortitel verdient“.

„Aber nur einen Mini-Doktortitel“, prustete Gigolo.

Gauda verlegte sein Gewicht auf das gesunde Bein. „Der findet doch noch nicht mal aus dem Kreisverkehr“.

 „Bei dem Schilderwald, kein Wunder“, brummte Anarcho, während Hotte-Max geistesabwesend die Decke anzustarren schien.

„Mit Scheuer wird es kein Schilderwaldsterben geben“, versuchte ich es mit einem lauen Wortwitz.

Mehr Aufmerksamkeit erreichte ich, als ich eine Runde Eis auf Kosten des Hauses ankündigte.

„Bald wird alles besser. Warte mal ab, wenn die Task-Force ihre Ergebnisse präsentiert“, nahm Lisbeth den Gesprächsfaden wieder auf.

„Wenn Du nicht mehr weiterweißt, bilde einen Arbeitskreis“.

Nachdem meine Stammgäste mit Eishörnchen versorgt waren, wandte ich mich Max zu, bot ihm ein Schoko-Double-Eis mit Stil an.

„Hier Max, ich weiß, das Leben ist kein Zuckerschlecken, versuch´s mal mit Eis“.

Max schaute mich mit trüben Augen an.

„Was bedrückt Dich eigentlich, Max. Willste darüber reden?“.

Hotte ließ seine Zunge zwei- dreimal über die Schokoglasur gleiten, biss´ dann beherzt in das Eis.

Ich ließ ihm ein wenig Zeit, den Kälteschmerz zu verarbeiten.

„Happo, hast Du schon mal im Lotto Fünf Richtige plus Zusatzzahl getippt? Ich ja! Letzte Woche. Nur den Schein hab` ich nicht abgegeben.“

Also, ich würd ein langes Gesicht ziehen.

Bitterer Zucker


Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, pflegte mein Mütterchen oft zu sagen. Mittlerweile bezweifle ich den Wahrheitsgehalt dieses Spruches, wenn ich so meine Konturen im Spiegel bestaune. Selbst mit Luftanhalten.

„Du hast einfach eine zu enge Haut“, witzelte Anarcho, als sich die Gespräche in der Bar unlängst ums Essen, um Ernährung an sich und so weiter, drehten.

„Ich glaub, dass liegt an den Tabletten“, versuchte ich es mit einem zaghaften wie unglaubwürdigen Erklärungsversuch.

Ein gefundenes Fressen für Salander: „Vielleicht solltest Du die Medikamente mit Kranwasser und nicht mit Bier runterspülen“.

„Und auch nicht für jede Pille ein Pils!“, jodelte Gauda, der mit seinen gut 100 Kilo Tara, weiter vom Idealgewicht entfernt ist, als „Dicktatorchen“ Kim Jong Un vom Friedensnobelpreis, auch wenn der „Holländer“ vehement beteuert, er hätte einfach zu schwere Knochen.

Gigolo, schlank, sehnig, sportlich, ergriff ungewohnt lautstark das Wort: „Es liegt am Zucker, Leute, glaubt es mir. Zucker ist DER ist der Hauptverursacher der meisten Krankheiten, DER Dickmacher schlechthin!“

Selbst Gauda zuckte kurz zusammen.

„Gerade in Fertigprodukten stecken wahre Zuckerbomben, sag ich euch. Ja, auch in Baby-Nahrung. Unverantwortlich! Kriminell! Aber die Zuckerlobby ist mächtig, die wissen, wem sie Zucker in den Allerwertesten blasen muss“.

Gigolo leerte sein Glas Stilles Wasser auf Ex.

„Also, ich kauf mir zweimal die Woche im Supermarkt ´nen Becher Smoothie, voll gesund“, erwiderte Anarcho.

„Vergiss es, die haben teilweise mehr Zuckergehalt, als ein Glas Cola. Wenn, dann mix Dir eine Vitaminbombe, aber mit Gemüse und lass das Fruchtfleisch dran“, klärte der Love-Hunter ihn auf, der resignierend die Augen leicht verdrehte.

„Zum Glück haben wir eine fähige Ministerin für Landwirtschaft und Ernährung, …… diese zuckersüßlächelnde Winzer-Tochter Klöckner, die kämpft wie eine Löwin gegen die Zuckerindustrie. Paah!“ 

„Lisbeth, Du scheinst der Nestle-Werbe-Ikone zu misstrauen. Magst Du sie etwa nicht?“, schmunzelte Anarcho.

„Nee, nicht wirklich“, zischte Salander.

„Tja, die Zuckerlobby hat unermessliche Macht. Der ist schwer beizukommen. Bei Bedarf geben sie ein paar Gutachten in Auftrag, die sämtliche gesundheitlichen Bedenken vom Tisch fegen. Auch Professoren sind halt nur Menschen und wenn das Honorar ebenso hoch ist, wie der Zuckergehalt in den Produkten, dann weißte, was am Ende dabei rauskommt. Ergebnisoffen geht anders“.

„Was erwartest Du, wenn Politiker mit Diabetischen Füßen dieser Organisation entgegentreten, jezz mal bildlich gesprochen“, resümierte Gigolo.

„Zur Not verpassen sie Zucker einfach andere Namen; Glucose, Dextrose, Sorbit, Fruktose, und, und, und.“.

Gauda legte nach: „Gegen den Zuckerberg kommen die auch nicht an“.

„Jau, Datenfressen macht auch dick, das Bankkonto auf jeden Fall“.

„Stimmt, Lisbeth, wie die Diäten unserer gewählten Volksvertreter“.

Ziemlich ratlos, fast schon unsicher, schaute ich auf meine Getränke-Karte. Kann ich meinen Gästen überhaupt noch ruhigen Gewissens irgendein Produkt aus diesem Sortiment anbieten?  Verdammt, warum muss ausgerechnet Pils so viel Zucker intus haben…..

Anarcho riss mich aus meinen Gedanken.

„Mein BMI ist mir heute egal. Mein BMW steht in der Garage, also zapf an, Happo“.

Gigolo schaute den Koloss ungläubig an. „Wenn Du schon nicht darauf verzichten kannst, versuch doch wenigstens den Konsum zu reduzieren. Und treib` mal wieder Sport, nicht nur mit der Fernbedienung“.

„Gigo, lass mal unseren Pferdeschwanzträger. Der ist schneller, als ein Porsche. Von null auf hundert in zwei Sekunden. Wenn er auf die Waage steigt“.

Lachen ist immer gesund. Immerhin.

Obstler auch? Eher nicht, aber hört sich so an.

Jugend in Bewegung

Die einen mögen Boy George, die anderen Boykott. Vom Erstgenannten besitze ich keinen Tonträger – tut mir leid – den Boy Kott kenne ich schon seit Jahrzehnten. Anarcho.

Frag ihn die Tage ohne jegliche Hintergedanken, einfach nur so, weil das halt so in mir drinsteckt, ob er eine Prinzenrolle möchte.

„Wenn die von Bahlsen sind, dann steck Dir die braune Masse alleine zwischen die Kiemen“, knurrte er mich an. 

Kurz verunsichert schaute ich auf die Packung, schüttlete den Kopf und keifte kurz und knapp: „Nee, die sind nicht von Bahlsen, die hat mir Gigolo geschenkt“.

„Haha, Du Witzbold, haste denn nicht gelesen, was diese dumme Göre Verena Bahlsen, über die Zwangsarbeit in Papis Fabrik während der Nazi-Zeit von sich gegeben hat? Da war das arme Millionärstöchterchen doch noch gar nicht auf dieser ach so gerechten Welt, meinte die, was ginge das sie an und überhaupt, war ja gar nix Schlimmes!“, ereiferte sich Anarcho. „Diese Kapitalistenhenne geht mir richtig auf den Keks! Aber sowas von“. 

Seine Gesichtsfarbe näherte sich gefährlich an die eines Uli Hoeneß, von dem Gaudo unlängst steif und fest behauptete, der würde einen Vorstandsposten in der Blutdruckliga anstreben.

„Gaaaanz ruhig, Roter.“ Lisbeth Salanders blutdrucksenkende Stimme zeigte Wirkung. Anarchos Brustkorbbewegungen erreichten ebenfalls Normwerte.

„Aber die Jugend an sich überrascht mich positiv“, versuchte sie das Thema in eine andere Richtung zu lenken. „Fridays for Future, Sawa World, Scouts, World Youth Alliance, ach, es gibt noch ne Menge mehr Bewegungen von jungen Menschen“.

„Ja klar, vor allen Dingen bewegen die sich mit Blick aufs Handy in Papis oder Mamis Straßenpanzer“, wetterte Gaudo, während er mir signalisierte, den Zapfhahn schon mal in Alarmbereitschaft zu versetzen.

Salander ignorierte die Bemerkung,

 „Ist doch toll, wenn junge Menschen versuchen, die Welt ein wenig lebenswerter zu gestalten. Muss doch in Deinem Sinne sein, Anarcho, wenn alles gerechter verteilt würde“.

Der Angesprochene nickte zustimmend.
„Wurde auch Zeit, dass sich was tut. Wir sind damals auch durch die Straßen gezogen, gegen Atomkraft, gegen Pershing Zwei, gegen das braun verseuchte System. Man, das waren Zeiten“.

„Sauber! Och, Du Gutmensch. Du und durch die Straße gezogen? Ja, zum Saufen“, zischte Gauda.

„Lasst gut sein, Jungs“. Mein Einwand nutzte Salander, um beim Thema zu bleiben.

„Mal ehrlich, und völlig egal, wie man zu solchen Bewegungen steht, ICH finde es gut, wenn die Heranwachsenden nicht nur über Mode, Modells oder Stars quasseln. Die machen sich Gedanken um ihre Zukunft, ohne nur an sich zu denken. Daumen hoch!“

„Pass mal auf, liebste Jugendversteherin, glaubst Du etwa, die verzichten auf Reisen, auf das neueste I-Phone, machen einen Bogen um McDonald, oder geben ihr Taschengeld für humanitäre Zwecke aus?“

„Darum geht’s doch gar nicht, Gauda“, konterte Lisbeth Salander. „Es geht darum, andere Schwerpunkte im Leben zu finden, sinnvollere“.

„Ach so, jetzt kapier ich! Wenn also ein Schnösel wie der, verdammt, wie heißt der noch, Enzo oder Rezo,… genau Rezo, irgendwas von Zerstörung der CDU faselt, liest und hört man Tag und Nacht nix anderes mehr. Sehr sinnvoll“.

Anarcho schwenkte seinen linken Arm wie in besten Schulzeiten hin und her, ohne jedoch zu schnipsen.

„Da muss ich dem Holländer zustimmen. Ja, brauchst gar nicht so blöd zu gucken. Der Junge hat ja gute Ansätze, aber was daraus gemacht wird, ist nur noch zum Weghören“.

„Das kann man Rezo doch nicht vorwerfen, meine Herren. Wer springt denn auf den Zug auf? Trotzdem, die Geschichte zeigt sehr deutlich auf, wie wenig viele Politiker vom modernen Zeitgeist verstehen. Beschämend!“

Die Lage schien günstig für mich, jetzt auch mal was Gescheites für die Diskussion beizusteuern.

„Ist euch eigentlich bewusst, dass selbst ihr auf diesem Zug aufgesprungen seid? Das Spielchen funktioniert doch perfekt. Ihr quasselt doch auch darüber“,

„Bei der DB kannste noch leichter auf den Zug springen, die stehen nämlich überwiegend“, knurrte Gauda.

In diesem Moment ging die Tür auf und Gigolo betrat klackernden Schrittes die Bar, komplett in Radrennfahrer-Montur, nahm ächzend seine Designer Radrenn-Brille ab, hielt sie gut sichtbar für alle in die Runde.

„Schaut euch mal die Gläser an. Fliegen, Käfer, Kneifer, voller Mist, ey. Wollen mir aber erzählen, es gibt keine Insekten mehr“.

Puuuuh.