Bitterer Zucker


Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, pflegte mein Mütterchen oft zu sagen. Mittlerweile bezweifle ich den Wahrheitsgehalt dieses Spruches, wenn ich so meine Konturen im Spiegel bestaune. Selbst mit Luftanhalten.

„Du hast einfach eine zu enge Haut“, witzelte Anarcho, als sich die Gespräche in der Bar unlängst ums Essen, um Ernährung an sich und so weiter, drehten.

„Ich glaub, dass liegt an den Tabletten“, versuchte ich es mit einem zaghaften wie unglaubwürdigen Erklärungsversuch.

Ein gefundenes Fressen für Salander: „Vielleicht solltest Du die Medikamente mit Kranwasser und nicht mit Bier runterspülen“.

„Und auch nicht für jede Pille ein Pils!“, jodelte Gauda, der mit seinen gut 100 Kilo Tara, weiter vom Idealgewicht entfernt ist, als „Dicktatorchen“ Kim Jong Un vom Friedensnobelpreis, auch wenn der „Holländer“ vehement beteuert, er hätte einfach zu schwere Knochen.

Gigolo, schlank, sehnig, sportlich, ergriff ungewohnt lautstark das Wort: „Es liegt am Zucker, Leute, glaubt es mir. Zucker ist DER ist der Hauptverursacher der meisten Krankheiten, DER Dickmacher schlechthin!“

Selbst Gauda zuckte kurz zusammen.

„Gerade in Fertigprodukten stecken wahre Zuckerbomben, sag ich euch. Ja, auch in Baby-Nahrung. Unverantwortlich! Kriminell! Aber die Zuckerlobby ist mächtig, die wissen, wem sie Zucker in den Allerwertesten blasen muss“.

Gigolo leerte sein Glas Stilles Wasser auf Ex.

„Also, ich kauf mir zweimal die Woche im Supermarkt ´nen Becher Smoothie, voll gesund“, erwiderte Anarcho.

„Vergiss es, die haben teilweise mehr Zuckergehalt, als ein Glas Cola. Wenn, dann mix Dir eine Vitaminbombe, aber mit Gemüse und lass das Fruchtfleisch dran“, klärte der Love-Hunter ihn auf, der resignierend die Augen leicht verdrehte.

„Zum Glück haben wir eine fähige Ministerin für Landwirtschaft und Ernährung, …… diese zuckersüßlächelnde Winzer-Tochter Klöckner, die kämpft wie eine Löwin gegen die Zuckerindustrie. Paah!“ 

„Lisbeth, Du scheinst der Nestle-Werbe-Ikone zu misstrauen. Magst Du sie etwa nicht?“, schmunzelte Anarcho.

„Nee, nicht wirklich“, zischte Salander.

„Tja, die Zuckerlobby hat unermessliche Macht. Der ist schwer beizukommen. Bei Bedarf geben sie ein paar Gutachten in Auftrag, die sämtliche gesundheitlichen Bedenken vom Tisch fegen. Auch Professoren sind halt nur Menschen und wenn das Honorar ebenso hoch ist, wie der Zuckergehalt in den Produkten, dann weißte, was am Ende dabei rauskommt. Ergebnisoffen geht anders“.

„Was erwartest Du, wenn Politiker mit Diabetischen Füßen dieser Organisation entgegentreten, jezz mal bildlich gesprochen“, resümierte Gigolo.

„Zur Not verpassen sie Zucker einfach andere Namen; Glucose, Dextrose, Sorbit, Fruktose, und, und, und.“.

Gauda legte nach: „Gegen den Zuckerberg kommen die auch nicht an“.

„Jau, Datenfressen macht auch dick, das Bankkonto auf jeden Fall“.

„Stimmt, Lisbeth, wie die Diäten unserer gewählten Volksvertreter“.

Ziemlich ratlos, fast schon unsicher, schaute ich auf meine Getränke-Karte. Kann ich meinen Gästen überhaupt noch ruhigen Gewissens irgendein Produkt aus diesem Sortiment anbieten?  Verdammt, warum muss ausgerechnet Pils so viel Zucker intus haben…..

Anarcho riss mich aus meinen Gedanken.

„Mein BMI ist mir heute egal. Mein BMW steht in der Garage, also zapf an, Happo“.

Gigolo schaute den Koloss ungläubig an. „Wenn Du schon nicht darauf verzichten kannst, versuch doch wenigstens den Konsum zu reduzieren. Und treib` mal wieder Sport, nicht nur mit der Fernbedienung“.

„Gigo, lass mal unseren Pferdeschwanzträger. Der ist schneller, als ein Porsche. Von null auf hundert in zwei Sekunden. Wenn er auf die Waage steigt“.

Lachen ist immer gesund. Immerhin.

Obstler auch? Eher nicht, aber hört sich so an.

Jugend in Bewegung

Die einen mögen Boy George, die anderen Boykott. Vom Erstgenannten besitze ich keinen Tonträger – tut mir leid – den Boy Kott kenne ich schon seit Jahrzehnten. Anarcho.

Frag ihn die Tage ohne jegliche Hintergedanken, einfach nur so, weil das halt so in mir drinsteckt, ob er eine Prinzenrolle möchte.

„Wenn die von Bahlsen sind, dann steck Dir die braune Masse alleine zwischen die Kiemen“, knurrte er mich an. 

Kurz verunsichert schaute ich auf die Packung, schüttlete den Kopf und keifte kurz und knapp: „Nee, die sind nicht von Bahlsen, die hat mir Gigolo geschenkt“.

„Haha, Du Witzbold, haste denn nicht gelesen, was diese dumme Göre Verena Bahlsen, über die Zwangsarbeit in Papis Fabrik während der Nazi-Zeit von sich gegeben hat? Da war das arme Millionärstöchterchen doch noch gar nicht auf dieser ach so gerechten Welt, meinte die, was ginge das sie an und überhaupt, war ja gar nix Schlimmes!“, ereiferte sich Anarcho. „Diese Kapitalistenhenne geht mir richtig auf den Keks! Aber sowas von“.   

Seine Gesichtsfarbe näherte sich gefährlich an die eines Uli Hoeneß, von dem Gaudo unlängst steif und fest behauptete, der würde einen Vorstandsposten in der Blutdruckliga anstreben.

„Gaaaanz ruhig, Roter.“ Lisbeth Salanders blutdrucksenkende Stimme zeigte Wirkung. Anarchos Brustkorbbewegungen erreichten ebenfalls Normwerte.

„Aber die Jugend an sich überrascht mich positiv“, versuchte sie das Thema in eine andere Richtung zu lenken. „Fridays for Future, Sawa World, Scouts, World Youth Alliance, ach, es gibt noch ne Menge mehr Bewegungen von jungen Menschen“.

„Ja klar, vor allen Dingen bewegen die sich mit Blick aufs Handy in Papis oder Mamis Straßenpanzer“, wetterte Gaudo, während er mir signalisierte, den Zapfhahn schon mal in Alarmbereitschaft zu versetzen.

Salander ignorierte die Bemerkung,

 „Ist doch toll, wenn junge Menschen versuchen, die Welt ein wenig lebenswerter zu gestalten. Muss doch in Deinem Sinne sein, Anarcho, wenn alles gerechter verteilt würde“.

Der Angesprochene nickte zustimmend.
„Wurde auch Zeit, dass sich was tut. Wir sind damals auch durch die Straßen gezogen, gegen Atomkraft, gegen Pershing Zwei, gegen das braun verseuchte System. Man, das waren Zeiten“.

„Sauber! Och, Du Gutmensch. Du und durch die Straße gezogen? Ja, zum Saufen“, zischte Gauda.

„Lasst gut sein, Jungs“. Mein Einwand nutzte Salander, um beim Thema zu bleiben.

„Mal ehrlich, und völlig egal, wie man zu solchen Bewegungen steht, ICH finde es gut, wenn die Heranwachsenden nicht nur über Mode, Modells oder Stars quasseln. Die machen sich Gedanken um ihre Zukunft, ohne nur an sich zu denken. Daumen hoch!“   

„Pass mal auf, liebste Jugendversteherin, glaubst Du etwa, die verzichten auf Reisen, auf das neueste I-Phone, machen einen Bogen um McDonald, oder geben ihr Taschengeld für humanitäre Zwecke aus?“

„Darum geht’s doch gar nicht, Gauda“, konterte Lisbeth Salander. „Es geht darum, andere Schwerpunkte im Leben zu finden, sinnvollere“.

„Ach so, jetzt kapier ich! Wenn also ein Schnösel wie der, verdammt, wie heißt der noch, Enzo oder Rezo,… genau Rezo, irgendwas von Zerstörung der CDU faselt, liest und hört man Tag und Nacht nix anderes mehr. Sehr sinnvoll“.

Anarcho schwenkte seinen linken Arm wie in besten Schulzeiten hin und her, ohne jedoch zu schnipsen.

„Da muss ich dem Holländer zustimmen. Ja, brauchst gar nicht so blöd zu gucken. Der Junge hat ja gute Ansätze, aber was daraus gemacht wird, ist nur noch zum Weghören“.

„Das kann man Rezo doch nicht vorwerfen, meine Herren. Wer springt denn auf den Zug auf? Trotzdem, die Geschichte zeigt sehr deutlich auf, wie wenig viele Politiker vom modernen Zeitgeist verstehen. Beschämend!“

Die Lage schien günstig für mich, jetzt auch mal was Gescheites für die Diskussion beizusteuern.

„Ist euch eigentlich bewusst, dass selbst ihr auf diesem Zug aufgesprungen seid? Das Spielchen funktioniert doch perfekt. Ihr quasselt doch auch darüber“,

„Bei der DB kannste noch leichter auf den Zug springen, die stehen nämlich überwiegend“, knurrte Gauda.

In diesem Moment ging die Tür auf und Gigolo betrat klackernden Schrittes die Bar, komplett in Radrennfahrer-Montur, nahm ächzend seine Designer Radrenn-Brille ab, hielt sie gut sichtbar für alle in die Runde.

„Schaut euch mal die Gläser an. Fliegen, Käfer, Kneifer, voller Mist, ey. Wollen mir aber erzählen, es gibt keine Insekten mehr“.

Puuuuh.

Und was ist mit Tee?

Wer hätte das gedacht, dass Happo auch noch Kaffee macht? Naja, so ganz überraschend ist die Entwicklung nun auch wieder nicht. Seit Januar brutschelte der Plan, wenn auch auf Sparflamme, wenigstens hin und wieder, dann, wenn Markttag ist, die Bar vormittags zu öffnen.

Im Angebot, frisch zubereiteter Filterkaffee, Frühstücksgedecke für klein und groß, für Gebissträger und Zahnlose, für Diabetiker oder Hypertonis, für Korpulente und Bohnenstangen, für Hutträger ebenso wie für Wuschelköppe, kurz, für das gemeine Volk.

Ohne die fantastischen Vier – Salander, Gigolo, Anarcho und Gauda – hätte ich meinen Gästen und Gästinnen noch nicht mal was für den hohlen Zahn anbieten können. Was die alles angeschleppt haben, vor der Maloche wohlgemerkt. Wahnsinn!

Ich will euch jetzt nicht mit Einzelheiten langweilen, also, welche Leckereien und Spezialitäten das Frühstücks-Buffet umfasste, ich sag nur eines:  Kein Ei dran, aber legger. Verdammt legger! 

Zum Glück sprang die gute Frau Kruste, ansonsten Aushilfskraft bei Bäcker Brösel, spontan als Kellnerin in die Bresche. Doppelter Mindestlohn plus zwei Pinnchen Doppelkorn, mein verhältnismäßig bescheidener Dank für die unbezahlbare Hilfe.

Ich hatte mit vielem gerechnet, nicht jedoch mit solch einem Ansturm von überwiegend, nein, fast ausschließlich Damen mit einigen Jahren Lebenserfahrung auf den Buckeln und ´ner Menge grauer Haarpracht auf den Köpfen, um es mal galant auszudrücken. Ein älterer, überschlanker, kleinerer Herr mittendrin.

Etwas wackelig auf den Beinen, steuerte die mit Gehstöcken und Rollatoren bewaffnete Armada beide große Tische vor dem Fenster an.

Zum Glück unfallfrei. Die beiden Rollatoren parkte ich nach höflicher Rücksprache mit den streng dreinblickenden Besitzerinnen, rechte Flanke neben der Theke.

Frau Kruste hatte das richtige Näschen und so lief im Hintergrund, Eric Silvester´s Mega-Hit „Zucker im Kaffee“.  

„Herr Wirt, was ist das denn für ein Senioren-Schlaflied. Wie wär´s mit „Old Town Road“ von Lil Nas X?“, krächzte die stämmigste, anscheinend Anführerin des Schneekoppen-Clans in meine Richtung.  

Mein blöder Gesichtsausdruck blieb der Gouvernantin nicht verborgen. „Ist derzeit die Nummer Eins inne Hitliste, seit Wochen“, klärte sie mich im Brustton der Überzeugung auf.

Dank Salander konnte ich den Wunsch nach wenigen Klicks auf der PC-Tastatur erfüllen. Ruckartige Oberkörper- und etwas unbeholfen wirkende Armbewegungen waren die Folge. Der Spaßfaktor wuchs, auch bei mir.

„Käthe, überteib´s nicht, sonst nehmen sie Dir den Schwerbehindertenausweis weg“.

„Sollen ´se doch, Resi, ich hab´ zwei davon“.

Lautes Gelächter, nahm ich jedenfalls an, dass es sich um Lachen handelte, erfüllte die Bar.

Nur der kleine Herr schien es nicht verstanden zu haben. „Waaas?“

„Ach, Günter, haste wieder Dein Hörgerät ausgeschaltet?“. Die Dame neben Günter verdrehte dabei leicht die Augen.


„Das ist Maria, seine Gattin“, flüsterte mir Frau Kruste in das linke Ohr.

Gefrühstückt wurde natürlich auch. Die Brötchen gingen weg wie warme Semmeln. Ohne auf die Uhr geschaut zu haben, schätzungsweise eineinhalb Stunden dauerte die Sättigung.

Ein fetter Rülpser von Günter („Mein Gott, Günter), beendete die Fütterung der Raubtiere.

„Und was ist mit Tee?“, wollte Waltraud von Tisch zwei wissen.

„Dafür ist heute keine Zeit mehr, Herr Happo, bringen sie uns doch eine Runde Pils und einen für den Magen!“

„Gute Wahl, Waltraud“, antwortete die überwiegende Mehrheit mit Blickrichtung Gouvernante.    

„Ich will Bonanza sehn“, forderte Günter.

Reaktionen blieben aus.

Die Gespräche drehten sich um Gott und die Welt. Ich krieg nur noch einen Bruchteil davon zusammen. War wirklich äußerst schwierig herauszufiltern, wer mit wem redete.

„Haste gelesen, das Baby von Prinz Harry und Meghan Markle“…,

„Merkle?“

„NEIN, Markle, also, das Baby heißt Archie Harrison Mountbatten-Windsor“.

„Boor, ganz schön viel Name für so wenig Mensch“, kicherte Rosi mit weit geöffneten Lippen und gab so einen tiefen Einblick in ihr Innerstes frei.

Waltraud übernahm nun wieder lauthals das Kommando.

„Ich war gestern bei Dr. Hintersee, dem Proktologen, na wegen meiner Fistel, ihr wisst schon, am Hintern“.

„Und?“, wollte Käthe wissen.

„Nix und. Der hat mich wieder weggeschickt. Ich soll erst eine Überweisung von meiner Hausärztin holen“.

„Das hast Du Dir gefallen gelassen?“, wunderte sich Käthe.

„Ohh, ich hab dem so richtig meine Meinung gegeigt, aber das ging dem wohl am Allerwertesten vorbei“.

So in der Art ging es noch eine geraume Zeit weiter. Bis dann urplötzlich Aufbruchstimmung herrschte.

Auffällig, die meisten der Frühstücker überzeugten durch sicheres Auftreten. Wackler kaum noch sichtbar. Was eine gute Unterlage doch bewirken kann. Brav und ohne zu maulen, bezahlten sie ihre Rechnungen.

Nur Günter schien kein eigenes Geld beizuhaben. Armer Kerl, dachte ich.

Im Herausgehen zwinkerte er mir zu. „Ich tu nur so, als ob ich nix höre. Der Günter ist schlauer, als die Glucken denken“. Sprachs und drückte mir einen Zwanni in die Hand.

„Bis bald“.

Ich hatte die Worte noch nicht ganz verdaut, als die Tür erneut aufsprang und Gouvernante Waltraud mit einer anderen betagten Dame im Arm die Bar betrat.

„Margarete hat ihren Rolli vergessen“.

Lisbeth liest

Sokrates war ein kluger Mann. Ich meine nicht den genialen brasilianischen Mittelfeldstrategen, sondern den großen, weisen, alten Griechen. “Je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich, dass ich nichts weiß.” Immerhin weiß ich, dass dieses Zitat von ihm stammt. Ergo bin also etwas klüger, als der berühmte Philosoph. Na logisch!

Als Bar-Besitzer ist es wichtig zu wissen, was in der Kasse ist, was letztendlich übrig zum Leben bleibt. Dank der neuesten Studie der Hans-Böckler-Stiftung, weiß die Allgemeinheit nun, dass die Ruhrgebietsstädte zu den einkommensschwächsten der Republik gehören.  Den Osten gibt es auch im Westen. Wayne wunderts?

Warum erzähl ich euch das alles? Ganz einfach, weil ich es gelesen habe. Lesen bildet, könnte man meinen. Wobei es wohl auch darauf ankommt, was man liest.

Es war ausgerechnet Salander, die mir pünktlich zum UNESCO-Welttag des Buches, ein paar brandneue Romane zum Schmökern überreichte. Aus Papier wohlgemerkt. Ausgerechnet Salander, unsere Hackerin vor dem Herrn, die Königin aus dem Digital.

„Wo haste die denn aufgegabelt?“, wollte ich von ihr wissen.

„Na wo wohl? Aus dem Buchladen natürlich. Käuflich erworben. Wennze willst, kannste die Quittungen auch noch mitlesen. Tzzzz…“.

Lisbeth gab sich keinerlei Mühe, ihren Unmut zu verbergen.

„Immer diese Vorurteile. Vergiss nicht, ich bin eine Frau, ich kann mehr, als nur eine Sache“, schnippte sie mich an.

„Schon gut, sorry, Lisbeth, ich hätte es besser wissen müssen“, versuchte ich die Wogen zu glätten, senkte dabei demütig den Blick auf die Theke. Das wirkte.

Mit einer fließenden Bewegung positionierte ich die mitgebrachten Exemplare vor mir auf, griff nach dem obersten Buch und betrachtete das Cover.

„Der Quantensprung des Tausendfüßlers.“. Eigenartiger Titel.

Salander bemerkte meinen fragenden Blick. „Ist ein tolles Jugendbuch, aber ebenso für Erwachsene geeignet. Geht da um einen ziemlich trägen, eher schon faulen Tausendfüßler, der sich einfach kein Bein ausreißen will, um sein Ziel zu erreichen“.

„Ach so“, erwiderte ich nickend, um Salander zu signalisieren, ich habe verstanden.

„Schau Dir das mal an!“ Lisbeth hielt mir das nächste Buch vor meinen Augen.

„Die Anreise mit der Retourkutsche“, so der Titel des Lesestoffes. Diesmal las ich sicherheitshalber den Text auf der Rückseite.

„Oh, interessant, hätte nicht vermutet, dass es hier um die Kunst, erfolgreich Streitgespräche zu führen, geht“.

„Vergiss nicht, auch zwischen den Zeilen zu lesen“, ermahnte mich Lisbeth.

Als Nächstes blätterte ich in einem Kinderbuch mit vielen lustigen, bunten Zeichnungen. 

„Ach, sorry Happo, das Buch ist gar nicht für Dich. Das hab´ ich für Gauda mitgebracht. Damit der mal was anderes, als Todesanzeigen und Sportnachrichten liest“. Salanders Schmunzeln war unübersehbar.

„Haha, das ist genau das Richtige für unseren Niederländer“, kicherte ich. „Dreikäsehoch in Holland“, was für ein Zufall.

„Hast Du auch was für Anarcho?“, wollte ich von Salander wissen.

„Man, hör auf, Anarcho ist derzeit mal wieder voll auf einem Anti-Trip, der wettert gegen Gott und die Welt. Wenn der was liest, dann höchstens die Leviten“.

„Und Gigolo studiert ausnahmslos Kontaktanzeigen. Auslastungsquote mindestens 100%“, erwähnte ich ergänzend an, blickte dabei auf die letzte, schätzungsweise 1200 Seiten umfassende Lektüre, aus Salanders gesponserter Sammlung.

„Richtig schwere Literatur“, versuchte ich witzig zu wirken, als ich das Monster-Werk mit beiden Händen ergriff. „Ein richtig fetter Schinken. Wohl eher nix für Vegetarier“.

Salander verzog kaum merklich ihre Mundwinkel.

„Jetzt mal ernsthaft, Barmann. Diese Schwarte ist Dir auf den Leib geschrieben. Spannend, brisant, niemals flach, nicht ohne Humor, aber doch tiefsinnig. Lesegenuss pur“.

Dermaßen in die Enge getrieben, riss ich mich zusammen, um bloß keine falsche Aussage zu tätigen.

„Edward mit den Scherenhänden im Fingernagelstudio“.

Keine Ahnung, ob das ein Horror ist, so was in der Art wie von Edgar Allan Poe, oder ein Thriller. Aber gedacht hatte ich: Leck mich anne Fott.

Rechtfertigung

Gigolo machte gestern mal wieder einen angeschlagenen Eindruck, wirkte ziemlich verunsichert. „Stell Dir vor, vorhin steht neben mir an der Bushaltestelle ´ne richtig rassige, junge Schönheit, lässt eine Zigarette zwischen Mittel- und Zeigefinger geschickt, fast schon erotisch, sag ich mal, hin und her kreisen. Ich also hin, zauber mein Feuerzeug gewohnt galant aus der Hosentasche und beginne die Eroberungsrede mit der Frage aller Fragen:  Darf ich Ihnen Feuer geben?“

„Sehr einfallsreich, Top!“, meldete Salander sich zu Wort, beide Daumen Richtung Decke gestreckt.

„Lass mich raten, die Dame hat sich augenblicklich in Dich verliebt“.

„Quatsch“, wiegelte Gigolo ab. „Die Irre keift mich volle Breitseite an. Wie ich dazu käme, sowas überhaupt zu fragen, gerade jetzt, wo doch Notre Dame einem Flammenmeer zum Opfer gefallen wäre“. 

Gigolo fasste sich an die Stirn, schob eine dicke, gegelte Haarsträhne zurück auf den Kopfdeckel.

„Dumm gelaufen“, entschlüpfte es Salander.

„Das mit dem Feuer in Notre Dame ist aber auch eine Katastrophe, für die Franzosen ein Drama, geradezu ein Stich in ihr Herz, ein unmenschlicher Schmerz“. Der Einwand kam von der linken Thekenseite. Gabriel Rebenstock, Inhaber eines kleinen, aber feinen Weinfachgeschäftes hier ganz in der Nähe, erläuterte im ruhigen Tonfall, wie die Franzosen wirklich ticken.

„Jaja, ich weiß, Notre Dame, DIE Kathedrale schlechthin! DAS Wahrzeichen der Westlichen Welt! DAS Erbe der europäischen Kultur!“. Gauda atmete schwer durch. Für ihn nicht ganz nachvollziehbar, welche Hysterie um dieses mittelalterliche Bauwerk entstanden sei.

„Ist jemand gestorben?“, grantelte er den „Pariser“, wie Gabriel Rebenstock allgemein genannt wird, von der Seite an.

Dessen vorheriger, ruhige Tonfall klang nun nicht mehr ganz so souverän. „Die meisten Franzosen trauern um dieses Bauwerk, wie um einen Menschen. Für grobe Klötze ist das natürlich nicht nachvollziehbar“.

Ohne jegliche Vorwarnung, schaltete sich Anarcho in die Debatte ein, ergriff – für mich völlig überraschend – Partei für Gauda.

„Mag sein, dass es erschütternd für ein Volk sein muss, mitanzusehen, wie eines ihrer Wahrzeichen das Zeitliche segnet, aber Notre Dame ist alles, aber ganz sicher nicht ein Symbol für Frieden und Demut, eher für Macht und Prunk der katholischen Kirche“.

Lisbeth Salander ließ sich nicht lange lumpen, legte noch ´ne Schüppe drauf: „Mich nerven die Beileidsbekundungen der politischen Elite. Notizen-Armin hat ein Spendenkonto eingerichtet, Steinmeier ist jetzt Franzose, Angi will Fachkräfte schicken,…ich dachte immer, wir haben Fachkräftemangel…. und sogar uns Söderle, DER Europäer vor dem Herrn schlechthin, bietet Bayrische Steinmetze für den Wiederaufbau an. Man kann es auch übertreiben, bei allem Verständnis“.

„Abwarten“, winkte Gauda ab, „wollen wir mal sehen, was am Ende wirklich davon eingehalten wird. Wahrscheinlich wieder nur hohle Phrasen. Reicht doch, wenn sie Bodo mit dem Bagger oder Bob, den Baumeister, für die Kathedrale abstellen“.

Rebenstocks Franzosen-Mütze hing längst auf halb-acht. „Ihr mit eurem Kirchturmdenken. Die ganze Welt trauert und fühlt mit den Franzosen, nur hier hat niemand was damit am Hut“, resignierte der Pariser mit zitternder Stimme, versuchte es trotz ziemlich aussichtsloser Lage, erneut, mehr Zustimmung zu erhaschen.
„Meint ihr, all die ganzen Spender sind kein Indiz für die riesige Tragweite dieses erschreckenden Feuerdramas?“

Unsicher blickte er in die Runde.

Anarcho beeilte sich, seine Mutmaßungen über die Motive der Spender und Spenderinnen, loszuwerden. „So edel sind die ganzen Geldnasen doch gar nicht. Hab gelesen, die können von der Spendensumme 60% an Steuern wieder einkassieren. Wie edel!“

„Die verzichten doch darauf“. Rebenstocks kreischte mehr, als dass er sprach.

Für mich das Siganl, einzuwirken. Ursprünglich hatte ich als Rausschmeißer Arthur Browns „Fire“ auserkoren, entschied mich dann aber aufgrund seiner deeskalierenden Wirkung, für John Lennon und seinem „Give Peace a Chance“. Der Pernod auf Kosten des Hauses, tat ein Übriges, um den Abend einigermaßen friedlich ausklingen zu lassen.

Von schwarzen und anderen Löchern

Sitze momentan vor einem Haufen Papier. Quittungen, Rechnungen, Lieferscheine. Der reinste Horror. Ich soll alles sortieren und abheften. Fein säuberlich, versteht sich. Dazu hat mir Salander einen leistungsstarken Locher ausgeliehen. Man, was macht der Löcher. Lisbeth will später alles digitalisieren. Keine Ahnung wie, aber die kennt sich da super aus.

Gestern in der Bar drehten sich die Gespräche übrigens fast ausschließlich um Löcher. Natürlich war das erste Foto vom Schwarzen Loch im Universum der Ausgangspunkt. Wäre ich ein Astronom, könnte ich die Begeisterung darüber wohl besser nachvollziehen. Wahrscheinlich hab ich aber zu viele Löcher da oben.

Anarcho jedenfalls kam im Groben ebenfalls zu einer ähnlichen Erkenntnis. „Mensch Happo, das Foto ist DIE Sensation schlechthin. Ein bisschen mehr Begeisterung, bitte“.

Naja, ist halt alles realtiv, dachte ich, sprach es allerdings nicht aus.

„Also, für mich war sonnenklar, dass das Schwarze Loch schwarz ist“, warf Gauda ein, lieferte die Begründung gleich hinterher: „Warum sollte es denn sonst Schwarzes Loch heißen?“

Kollektives Achselzucken der Barbesucher und Besucherrinnen, unter ihnen Zahnarztgattin Sybille Karies-Zupf in Begleitung eines smarten Dentaleinrichtungsplaners, dessen Namen ich vergessen habe.

„Ich weiß nur, ich muss erst mal ein großes Loch in meinem Portmonee stopfen“, beendete Anarcho das kurze Schweigen.

„Wie das?“, fragte Smarty übertrieben interessiert.

„Erst füllte mir der Karies-Zupf das Loch im Zahn und anschließend, füllte er seine Kasse auf, so richtig üppig, versteht sich von selbst“.

Smartys Lächeln verschwand. Kurze Zeit später verschwanden Beide.
Die wär` ich dann ja wohl auf Dauer los.

Anarcho ging auf, dass er mir eine solvente Einnahmequelle zugedreht hatte. Seine Körpersprach deutete jedenfalls darauf hin. „Ich weiß, ich bin manchmal ein Arschloch“.

Diesmal kollektives Nicken.

Dank dreier Lokalrunden, eroberte sich Anarcho seinen durchweg hohen Stellenwert bei den Stammgästen zurück. Bei mir auch.

Weiter gings mit dem Loch.

„Glaubst Du, dass es das Ungeheuer von Loch Ness wirklich gibt?“.

„Loch Nass?“

„Nein, Gigolo, Ness ist schon richtig. Schalte mal ab“, warf Salander ein.

„Ach, ich kann nicht so richtig abschalten. Befinde mich mal wieder in so einem seelischen Loch“.

„Och“. Gaudas Anteilnahme hielt sich in Grenzen.

„Mann, sei froh, dass Du Single bist, Deine Freiheiten in ner sauberen, ruhigen und vor allen Dingen b e z a h l b a r e n Zwei-Zimmer Wohnung genießen kannst und nicht in so´m Drecksloch hausen musst, wofür dann auch noch Horrormieten verlangt werden“.

Gigolo kam erneut ins Grübeln, gestand letztendlich mit einer Träne im Knopfloch ein: Diesmal lag Gaudo gar nicht so falsch!

Zu fortgeschrittener Stunde herrschte Aufbruchstimmung. Kampfrentner Pauke, vorhin noch mit einigen ehemaligen Untergebenen für einen kurzen Plausch in die Bar reingezwitscht, wackelte laut hustend an der Theke vorbei.

„Mensch Pauke, das hört sich aber nicht gut an. Du pfeifst ja aus dem letzten Loch“.

„Hör bloß auf. Ich bin da“……

Pauke ließ uns an einer erneuten lautstarken Hustenattacke teilhaben, fuhr dann fort: „Das hab ich nun davon, jahrelang im staubigen Archiv hunderte von Lochkarten abgeheftet zu haben. Jezz wollen se das nicht als Berufskrankheit anerkennen, die A-Löcher vone BG“.

Röchelnd verabschiedete sich der ehemalige Vorzeige-Malocher von den Gästen der Unkaputt-Bar.

Ahh, da kommt Salander – und zwar wie gerufen. Hab´ nämlich alles gelocht.