Rechtfertigung

Gigolo machte gestern mal wieder einen angeschlagenen Eindruck, wirkte ziemlich verunsichert. „Stell Dir vor, vorhin steht neben mir an der Bushaltestelle ´ne richtig rassige, junge Schönheit, lässt eine Zigarette zwischen Mittel- und Zeigefinger geschickt, fast schon erotisch, sag ich mal, hin und her kreisen. Ich also hin, zauber mein Feuerzeug gewohnt galant aus der Hosentasche und beginne die Eroberungsrede mit der Frage aller Fragen:  Darf ich Ihnen Feuer geben?“

„Sehr einfallsreich, Top!“, meldete Salander sich zu Wort, beide Daumen Richtung Decke gestreckt.

„Lass mich raten, die Dame hat sich augenblicklich in Dich verliebt“.

„Quatsch“, wiegelte Gigolo ab. „Die Irre keift mich volle Breitseite an. Wie ich dazu käme, sowas überhaupt zu fragen, gerade jetzt, wo doch Notre Dame einem Flammenmeer zum Opfer gefallen wäre“. 

Gigolo fasste sich an die Stirn, schob eine dicke, gegelte Haarsträhne zurück auf den Kopfdeckel.

„Dumm gelaufen“, entschlüpfte es Salander.

„Das mit dem Feuer in Notre Dame ist aber auch eine Katastrophe, für die Franzosen ein Drama, geradezu ein Stich in ihr Herz, ein unmenschlicher Schmerz“. Der Einwand kam von der linken Thekenseite. Gabriel Rebenstock, Inhaber eines kleinen, aber feinen Weinfachgeschäftes hier ganz in der Nähe, erläuterte im ruhigen Tonfall, wie die Franzosen wirklich ticken.

„Jaja, ich weiß, Notre Dame, DIE Kathedrale schlechthin! DAS Wahrzeichen der Westlichen Welt! DAS Erbe der europäischen Kultur!“. Gauda atmete schwer durch. Für ihn nicht ganz nachvollziehbar, welche Hysterie um dieses mittelalterliche Bauwerk entstanden sei.

„Ist jemand gestorben?“, grantelte er den „Pariser“, wie Gabriel Rebenstock allgemein genannt wird, von der Seite an.

Dessen vorheriger, ruhige Tonfall klang nun nicht mehr ganz so souverän. „Die meisten Franzosen trauern um dieses Bauwerk, wie um einen Menschen. Für grobe Klötze ist das natürlich nicht nachvollziehbar“.

Ohne jegliche Vorwarnung, schaltete sich Anarcho in die Debatte ein, ergriff – für mich völlig überraschend – Partei für Gauda.

„Mag sein, dass es erschütternd für ein Volk sein muss, mitanzusehen, wie eines ihrer Wahrzeichen das Zeitliche segnet, aber Notre Dame ist alles, aber ganz sicher nicht ein Symbol für Frieden und Demut, eher für Macht und Prunk der katholischen Kirche“.

Lisbeth Salander ließ sich nicht lange lumpen, legte noch ´ne Schüppe drauf: „Mich nerven die Beileidsbekundungen der politischen Elite. Notizen-Armin hat ein Spendenkonto eingerichtet, Steinmeier ist jetzt Franzose, Angi will Fachkräfte schicken,…ich dachte immer, wir haben Fachkräftemangel…. und sogar uns Söderle, DER Europäer vor dem Herrn schlechthin, bietet Bayrische Steinmetze für den Wiederaufbau an. Man kann es auch übertreiben, bei allem Verständnis“.

„Abwarten“, winkte Gauda ab, „wollen wir mal sehen, was am Ende wirklich davon eingehalten wird. Wahrscheinlich wieder nur hohle Phrasen. Reicht doch, wenn sie Bodo mit dem Bagger oder Bob, den Baumeister, für die Kathedrale abstellen“.

Rebenstocks Franzosen-Mütze hing längst auf halb-acht. „Ihr mit eurem Kirchturmdenken. Die ganze Welt trauert und fühlt mit den Franzosen, nur hier hat niemand was damit am Hut“, resignierte der Pariser mit zitternder Stimme, versuchte es trotz ziemlich aussichtsloser Lage, erneut, mehr Zustimmung zu erhaschen.
„Meint ihr, all die ganzen Spender sind kein Indiz für die riesige Tragweite dieses erschreckenden Feuerdramas?“

Unsicher blickte er in die Runde.

Anarcho beeilte sich, seine Mutmaßungen über die Motive der Spender und Spenderinnen, loszuwerden. „So edel sind die ganzen Geldnasen doch gar nicht. Hab gelesen, die können von der Spendensumme 60% an Steuern wieder einkassieren. Wie edel!“

„Die verzichten doch darauf“. Rebenstocks kreischte mehr, als dass er sprach.

Für mich das Siganl, einzuwirken. Ursprünglich hatte ich als Rausschmeißer Arthur Browns „Fire“ auserkoren, entschied mich dann aber aufgrund seiner deeskalierenden Wirkung, für John Lennon und seinem „Give Peace a Chance“. Der Pernod auf Kosten des Hauses, tat ein Übriges, um den Abend einigermaßen friedlich ausklingen zu lassen.

Von schwarzen und anderen Löchern

Sitze momentan vor einem Haufen Papier. Quittungen, Rechnungen, Lieferscheine. Der reinste Horror. Ich soll alles sortieren und abheften. Fein säuberlich, versteht sich. Dazu hat mir Salander einen leistungsstarken Locher ausgeliehen. Man, was macht der Löcher. Lisbeth will später alles digitalisieren. Keine Ahnung wie, aber die kennt sich da super aus.

Gestern in der Bar drehten sich die Gespräche übrigens fast ausschließlich um Löcher. Natürlich war das erste Foto vom Schwarzen Loch im Universum der Ausgangspunkt. Wäre ich ein Astronom, könnte ich die Begeisterung darüber wohl besser nachvollziehen. Wahrscheinlich hab ich aber zu viele Löcher da oben.

Anarcho jedenfalls kam im Groben ebenfalls zu einer ähnlichen Erkenntnis. „Mensch Happo, das Foto ist DIE Sensation schlechthin. Ein bisschen mehr Begeisterung, bitte“.

Naja, ist halt alles realtiv, dachte ich, sprach es allerdings nicht aus.

„Also, für mich war sonnenklar, dass das Schwarze Loch schwarz ist“, warf Gauda ein, lieferte die Begründung gleich hinterher: „Warum sollte es denn sonst Schwarzes Loch heißen?“

Kollektives Achselzucken der Barbesucher und Besucherrinnen, unter ihnen Zahnarztgattin Sybille Karies-Zupf in Begleitung eines smarten Dentaleinrichtungsplaners, dessen Namen ich vergessen habe.

„Ich weiß nur, ich muss erst mal ein großes Loch in meinem Portmonee stopfen“, beendete Anarcho das kurze Schweigen.

„Wie das?“, fragte Smarty übertrieben interessiert.

„Erst füllte mir der Karies-Zupf das Loch im Zahn und anschließend, füllte er seine Kasse auf, so richtig üppig, versteht sich von selbst“.

Smartys Lächeln verschwand. Kurze Zeit später verschwanden Beide.
Die wär` ich dann ja wohl auf Dauer los.

Anarcho ging auf, dass er mir eine solvente Einnahmequelle zugedreht hatte. Seine Körpersprach deutete jedenfalls darauf hin. „Ich weiß, ich bin manchmal ein Arschloch“.

Diesmal kollektives Nicken.

Dank dreier Lokalrunden, eroberte sich Anarcho seinen durchweg hohen Stellenwert bei den Stammgästen zurück. Bei mir auch.

Weiter gings mit dem Loch.

„Glaubst Du, dass es das Ungeheuer von Loch Ness wirklich gibt?“.

„Loch Nass?“

„Nein, Gigolo, Ness ist schon richtig. Schalte mal ab“, warf Salander ein.

„Ach, ich kann nicht so richtig abschalten. Befinde mich mal wieder in so einem seelischen Loch“.

„Och“. Gaudas Anteilnahme hielt sich in Grenzen.

„Mann, sei froh, dass Du Single bist, Deine Freiheiten in ner sauberen, ruhigen und vor allen Dingen b e z a h l b a r e n Zwei-Zimmer Wohnung genießen kannst und nicht in so´m Drecksloch hausen musst, wofür dann auch noch Horrormieten verlangt werden“.

Gigolo kam erneut ins Grübeln, gestand letztendlich mit einer Träne im Knopfloch ein: Diesmal lag Gaudo gar nicht so falsch!

Zu fortgeschrittener Stunde herrschte Aufbruchstimmung. Kampfrentner Pauke, vorhin noch mit einigen ehemaligen Untergebenen für einen kurzen Plausch in die Bar reingezwitscht, wackelte laut hustend an der Theke vorbei.

„Mensch Pauke, das hört sich aber nicht gut an. Du pfeifst ja aus dem letzten Loch“.

„Hör bloß auf. Ich bin da“……

Pauke ließ uns an einer erneuten lautstarken Hustenattacke teilhaben, fuhr dann fort: „Das hab ich nun davon, jahrelang im staubigen Archiv hunderte von Lochkarten abgeheftet zu haben. Jezz wollen se das nicht als Berufskrankheit anerkennen, die A-Löcher vone BG“.

Röchelnd verabschiedete sich der ehemalige Vorzeige-Malocher von den Gästen der Unkaputt-Bar.

Ahh, da kommt Salander – und zwar wie gerufen. Hab´ nämlich alles gelocht.

Briefing

Endlich! Heute habe ich wie geplant – wenn auch verspätet – meine Wurlitzer-Musikbox mit einer Single beglückt. „The Letter“ von den Box Tops aus dem Jahre 1967. Reiner Zufall, diese Rille auf dem Flohmarkt entdeckt zu haben. Noch verdammt gut in Schuss die Scheibe, jedenfalls besser als ich. Mein Kopf wippt im Takt, zwei kurze Schritte vor …..und drei zurück. Die Bewegungen erinnern an Mumienschieben ohne Partnerin.

Gaudas Baritonstimme holt mich in die Gegenwart zurück.

„Haste auch gelesen, Yogi Löws ehemaliger Lieblingsschüler, der Deutsch-Türke, Mesut Özil, will seine Amine Gülse demnächst ehelichen. Und weißte, wen die eingeladen haben? Na, wen schon, SEINEN Präsidenten, den Rezept Erdogan!“.

„Recep Tayyik Erdogan! Wenn schon, dann richtig“.

Lisbeth Salander versucht gelangweilt zu klingen. Der Versuch ist zum Scheitern verurteilt. Jeder hier weiß aus zig Diskussionen, wie massiv der aktuell Knallgelbgefärbten, das Gesülze von Gauda bei solchen Themen auf den Keks geht.

„Was hackste dauernd auf den Mesut rum, lass ihn doch einladen, wen er will“.

Gauda spürt, dass Salander gesprächsoffen ist, zündet die nächste Nebelkerze: „Aber nicht so einen Diktator, einen Unterdrücker, der Journalisten einsperrt und so weiter“.

„Ach ne, das müsste Dir doch besonders gefallen. Wirst doch nicht müde von Lügenpresse zu schwadronieren, wenn mal wieder was Negatives über Rechtsträger und Konsorten berichtet wird“.

„Das ist doch ganz was anderes“, keift Gauda.

Irgendwer fehlt noch, denk ich. Ach ja, Anarcho, der müsste sich gleich einschalten. Na also, er steht bereits, hat den Handlauf vor der Theke mit beiden Händen fest umklammert.

„Holländer, klär mich mal auf. Warum fahren denn so viele Fußball-Mannschaften zum Trainingslager in das Land des Despoten, he?“

Gauda schaut seinen Kumpel genervt in die zu Schlitzen geformten, dunklen Augen.

„Fußball verbindet halt, tzzz“.

„Und was ist mit den Deutschen Touris? Türkei ist mittlerweile das drittbeliebteste Reiseland der Deutschen! Hauptsache billig, aber auf den Özil draufkloppen. Man, man, man“. Salanders Stimme erschallt mindestens eine halbe Octave höher, als gewohnt.

Gauda zuckt mit den Schultern. „Gibt halt auch unpolitische Mitbürger und Mitbürgerinnen. Außerdem muss die untere Mittelschicht ja auf jeden Cent gucken“, wiegelt der Kahlkopf ab.

„Haha, dann sind die vom Bundestag aber völlig unpolitisch. Wieso sonst liefern die massenhaft Waffen nach Ankara?“

„Kümmer Du Dich lieber um Deinen Freund Putin, Pferdeschwanzträger!“

Anarcho scheint auf diesen Einwand gewartet zu haben.

„So wie Dein Bayrischer Freund Seehofer?“, kontert er sichtlich zufrieden den Provokationsversuch eiskalt aus.

„Ich dachte eher an Harzerkanzler Schröder und Deine Linken Brüder“.

Lisbeth Salander grätscht dazwischen. Zu oft ist sie auf die Ablenkungstaktik von Gauda reingefallen.

„Du weißt schon, dass DITIB kein Wettanbieter ist, so wie, äh“, kurze Pause, „äh, XTip zum Beispiel“.

Ich drück lieber mal „A 1“ auf der Wurlitzer. „The Letter“ ertönt erneut.  

Beim Zurückgehen sehe ich, wie der bisher schweigsame Gigolo einen Brief in den Händen hält. Unser Lovehunter wirkt hochkonzentriert, wie billiger Orangensaft, scheint die handgeschriebenen Zeilen nach Fehlern zu überprüfen.

„Gigo, lass mal hören, biste wieder verliebt?“ Die Frage stelle ich bewusst in einer Lautstärke, die nicht unbemerkt bleiben kann.

Gigolo schaut leicht verlegen, wiegt ab, ob er das Geheimnis ausplaudern soll.

„Du hat mich mal wieder erwischst, Happo. Ja, ich habe mich verliebt. Ist aber noch gaaaaanz am Anfang, alles“.

Anarcho blickt auf den Briefumschlag.
„Ohhh, ….. An Talya Elmas, Bielefeld“.

„Das gibt’s doch gar nicht“; staunt Gauda. „Unser Kleiner, liiert mit einer Türkin“.

Gigolo errötet unmerklich, antwortet jedoch nicht ohne Stolz. „Eine wunderbare Person, bildhübsch, intelligent und lieb. Studiert übrigens Psychologie. Bedarf besteht ja reichlich hier“.  

Gauda nickt anerkennend, hat seinen verständnisvollen Blick wiedererlangt.

„Wisst ihr was, auf diesen Schreck schmeiß ich ne Runde Döner Kebab. Happo, ruf mal den Hamit an!“

(So ne Krawatte hatte ich nie 🙂 )

Kein Witz

Wer kennt sie nicht, diese Typen, die, haben sie einmal Blut geleckt, einen Witz nach dem anderen raushauen, stundenlang, in Endlosschleife. Diese „Kennste-Den-Satz-Beginner“ Spezies. Erst kriegt man Bauchschmerzen vor Lachen, im Laufe des Abends vergeht einem dann meist das Selbige, nur die Bauchschmerzen bleiben.

So ein Exemplar war gestern in der Unkaputt-Bar. Wobei das so nicht ganz richtig ist, denn jener, von dem die Rede ist, gehörte eher der Gattung „Fragesteller“ an.

„Mein Name ist Lauer, Karl Lauer“.

Alle Augen blickten auf die, lasst mich nicht lügen, circa quasi 1,80 Meter große, auffällig schlanke, aschblonde Person, mittleren Alters.

„Wie nennt man einen studierten Bauern?“. Damit legte Lauer los.

Schweigen im Saal.

„Na, Ackerdemiker!“

Die Resonanz ließ noch zu wünschen übrig.

„Wie nennt man einen kleinen Türsteher?“

Kurzer Blick in die immer noch schweigende Runde.

„Sicherheitshalber!“

Erste, an Lachen erinnernde Laute waren vernehmbar.

 „Wie nennt man Sex mit Gegenständen?“

Karl Lauer wartete erst gar nicht ab, beantwortete seine Frage fast im gleichen Atemzug:

„Dingsbums!“

Immerhin sorgte das Frage-Spiel für eine gelockerte Atmosphäre in der Bar, was nicht so absehbar war. Denn beim Thema „Wolf“ erhitzten sich die Gemüter mehr als angemessen. Oder vielleicht waren die Reaktionen doch angemessen, wenn man berücksichtigt, wie schnell und zügig, scheinbar unausgegoren über Leben und Tod eines Geschöpfes entschieden wird?!

Jedenfalls sah Gigolo es so. Erhielt dabei vollste Zustimmung von Lisbeth Salander. Selbst Gauda kamen Zweifel, ob der Wolf einer der größten Gefährder unserer Demokratie sei.

„Die kleine Schulze will doch nur mit „Lex Wolf“ von wirklich dringenden Problemen ablenken“, entzürnte sich Gauda.

„Ich kenn nur Lex Barker“, schaltete sich Anarcho in die Diskussion ein.

„Mehr haste nicht dazu zu sagen?“.  Lisbeth Salander reagierte hörbar angefressen.

„Ach, leck mich doch“, spie Anarcho seine Freundin an. „Möchte mal sehen, ob ihr auch dann noch zu eurem süßen Wölfchen haltet, wenn der zum x-ten Male ein Schaf aus eurer Herde gerissen hat“.

„Weißte was, Anarcho, Du bist ein richtiges Herdentier. Hat absolut keinen Zweck mit Dir darüber ernsthaft zu diskutieren. Mehr als Geblöke kommt nicht“.

Von daher kann ich im Nachhinein froh sein, dass Karl Lauer für die Wende, zur besseren Stimmung beitrug.

“Habt ihr gelesen, die Frauke Petry von den Blauen und Arbeitsminister Hubertus Heil wollen gemeinsam nach Wählerstimmen angeln. Angeblich sind die Zwei deshalb eine Zweckehe eingegangen sein. Heißen jetzt Petry-Heil“.

„Du Scheiße, ne“, kichert Gauda, „total bescheuert.

Lauer lässt nicht locker.

„Mir hat letzte Tage ein Bekannter erzählt, der den Heinz, also den “Weißen Hai” wie der sich nennt, weisse, gut kennt. Der hat ihm verklickert, er, also der Heinz, kennt Jemanden, der ist so geizig, der hat in seinem Testament festschreiben lassen, im Todesfall sich nur bis zur Hüfte begraben zu lassen, weil er sein Grab selbst pflegen will“.

Zum ersten Mal erschallt lautes Gelächter. Gläser klirren, Bestellungen erreichen meine Gehörgänge.
Also wenn der Lauer kein Lauschepper ist, dann kann der gerne wiederkommen. Diese Gedanken gingen mir genau zu diesem Zeitpunkt durch den Kopf.

Drei Stunden später bewertete ich seinen Auftritt in der Unkaputt-Bar schon etwas kritischer. Leichte Bauchschmerzen zogen auf, senkten gleichzeitig den Wohlfühlfaktor spürbar ab.

„Wie nennt man eine Gruppe von Wölfen?“

Au man, das Thema hatten wir doch schon, das passt hier und heute einfach nicht.

„WOLFGANG!“

Lauer wundert sich über finstere Blicke, die ihn fixieren.

Ein Blick auf die Uhr signalisiert glücklicherweise „Feierabend“.
Gut so.

Karl Lauer rätselt heute noch, was an seiner letzten Frage nicht passte. Nachvollziehbar. Woher sollte er wissen, was vorher ablief. Ich werde es ihm erklären, falls er sich nochmal hierhin verirrt.

Big Patrick

Feierabend für heute. Gerade habe ich die letzten Gäste verabschiedet. Bis auf Lisbeth Salander und Gigolo. Die beiden treuen Seelen halten die Stellung, wollen mir beim Aufräumen helfen. Aber das kann warten, erstmal inne Zeitung blättern. Sportteil zuerst.

Meine Argusaugen erblicken ein Foto von Schwergewichts-Champ Patrick Korte, auf dem er aufmerksam Anweisungen seines Trainers Sebastian Tatlik entgegen nimmt.

“Ganz schöne Kante, der Korte”, merkt Gigolo an. “Sag mal Happo, ist der Islamist? Ich mein nur, wegen dem Bart und so”.

“Nee, das ist ein Zöllibart”. Die Antwort kommt von Lisbeth Salander. Schlagfertig isse ja, die Lisbeth.

Der Artikel “Patrick Kortes großes Ziel bleibt ein EM-Titelkampf” liegt nun lesbereit und in voller Länge vor mir.

“Wie siehts aus, Kinder, soll Papi euch noch eine Geschichte vorlesen?”

“Lass hören”. Salander nickt zustimmend. Also fang ich an…

In kaum einer anderen Sportart wird Nächstenliebe so wörtlich praktiziert, wie im Boxsport. Getreu dem Motto: „Geben ist seliger, denn Nehmen“.  

Diese Faustregel scheint auch Essens Profischwergewichts-Kämpfer, Patrick Korte, verinnerlicht zu haben. Von 15 Kämpfen siegte er 14 Mal, davon 12 durch K.O.  Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann.

Dass sie nicht makellos ausfällt, hat mit seiner Niederlage vor gut einem Jahr gegen den Weißrussen Andrei Mazanik, zu tun. In Runde zwei platzten die Titelhoffnungen des gebürtigen Borbeckers jäh. „Nicht so sehr körperlich, es war mehr die Seele, die weh tat“, gibt Korte offen zu. „Ich wollte den Kampf frühzeitig beenden, hab dabei sämtliche Vorgaben missachtet“, fügt Big Patrick selbstkritisch hinzu. Wohlmöglich spielte auch der plötzliche Tod seines ersten Boxtrainers, Franz Stahlschmidt, wenige Tage vor dem Fight eine Rolle.

Stahlschmidt war es, der den jungen Patrick Korte im Jahre 2000 unter seine Fittiche nahm. Die Karriere als Amateurboxer dauerte allerdings lediglich drei Jahre. Danach wandte er sich mehr und mehr dem Bodybuilding zu. Erst 2013 kehrte er zu seiner Liebe, dem Boxsport zurück. „Damals gab es im Amateurbereich einfach zu wenig Kämpfe, mir fehlte die Perspektive“, erklärt er die lange Ringpause, nicht ganz ohne Reue.

Förderlich war die Box-Abstinenz seiner Karriere sicherlich nicht, doch der Mann mit den eingebauten K.O.-Tropfen in beiden Fäusten blickt nach vorne, will den Erfolg.

Anders als im Ring, wo er mehr oder weniger auf sich alleine gestellt ist, unterstützen ihn im wahren Leben eine Menge Leute, seine sportlichen Ziele zu erreichen. „Meine Familie geht mir über alles!“, kommt die Antwort pfeilschnell wie ein rechter Haken, spricht man den Modellathleten auf die wichtigsten Menschen in seinem Leben an. Patrick Korte ist seit 10 Jahren glücklich verheiratet, liebevoller Vater von zwei, wie er betont, süßen, kleinen Mädchen. Zum engsten Freundeskreis zählt er auch seinen Trainer, Sebastian Tatlik.

Hart, aber herzlich, Eigenschaften, die der Linksausleger mag. Das martialische Äußere lässt nur schwer erahnen, wie ausgeprägt sein soziales Engagement in Wirklichkeit ist. Halbtags arbeitet Patrick Korte als Personal-Trainer in der Prof. Dr. Eggers-Stiftung, kümmert sich um jüngere, psychisch erkrankte Menschen. Für ihn mehr eine Berufung, denn ein Job. Regelmäßig ist er zudem für die Essener Chancen aktiv. Die Liste ließe sich beliebig weiterführen.

All diese Dinge sind dem Umfeld nicht verborgen geblieben. Seine Fan-Gemeinde wächst stetig. Kein Hehl macht der „Champ“, wie ihn zahlreiche Verehrer nennen, aus seiner Verbundenheit mit der Stadt Essen. #Essenhältzusammen – mehr als ein Werbegag.

Aktuell fokussiert sich der 35jährige auf den Kampfabend in der Stoppenberger Sporthalle Am Hallo. Am 16.März steigt der Lokalmatador wieder in den Ring. Gegner ist John Napari aus Ghana, der sämtliche seiner bisher zwanzig ausgetragenen Profi-Kämpfe als Sieger beendete. Leicht geht anders.

Das Training ist minutiös darauf ausgerichtet, auf den Tag hin topfit den Fight anzugehen. Kraft, Beweglichkeit, Ausdauer, Taktik, auch mentale Stärke, Nichts wird dem Zufall überlassen oder wie Patrick Korte zu sagen pflegt: Ohne Schweiß, kein Preis“.

Doch man kann noch soviel planen, noch so gut vorbereitet sein, im Schwergewichtsboxen kann ein einziger Schlag die (Titel-) Träume platzen lassen. Essens Hero muss nicht, aber er will unbedingt gegen Napari gewinnen, um seinem großen Ziel, einen Kampf um die Europameisterschaft der großen Boxverbände bestreiten zu dürfen, näher zu kommen.

Ganz Essen und darüber hinaus, drückt Patrick Korte dafür die Daumen.



Gigolo scheint beeindruckt. “Wat haltet ihr davon, wenn wir uns am 16.03.2019 mit der gesamten Truppe das Spektakel reinziehen? Ich hab richtig Bock drauf!”

“Super Idee, Gigolo. Ist gebongt!”

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Personenschützer Arnd mit Big Patrick
Zwei kleinere und zwei große Fäuste für ein Halleluja

Klartext

Kostendeckelung? Kostendeckelung! Was für ein Begriff. Erst seitdem ich die Unkaputt-Bar betreibe, weiß ich, was es damit auf sich hat. Die Gäste bestellen, ich liefere und schreibe die Kosten dafür auf einen Deckel.  Alles ganz easy. Nur Deckel klingt irgendwie dröge. Salander hatte die zündende Idee. So wurde aus dem Deckel eine Steuererklärung. Streng genommen ist Friedrich Merz der Urheber für die Umbenennung, wenn man so will. Wie auch immer, so machen selbst mir Steuererklärungen Spaß.

Das nur mal so am Rande.

Erzählen muss ich euch aber unbedingt noch von Richy Kabuffke, bekannt wie ein bunter Hund hier in der Gegend. Kabuffke war jahrelang Selbstständig. Servicebetrieb für Wartung und Reparatur von Faxgeräten. Jede Firma, jede Klitsche, selbst Behörden riefen ihn, sobald die Geräte nicht so funktionierten, wie erwartet. Richy Kabuffke fummelte, schraubte und improvisierte, hauchte der Apparatur neues Leben ein. Daher auch sein Spitzname „Pontifax“. 

Irgendwann hatte er aber die Faxen dick – der Druck wurde einfach zu groß . So machte er den Laden dicht und wechselte in die Kommunalpolitik. Macht nun da seine Faxen, wie seine politischen Kontrahenten behaupten. Er ist parteilos und zwar aus voller Überzeugung. „Ich war mein Leben lang auf mich alleine gestellt, hab nur mir selbst vertraut, warum soll ich mich jetzt mit anderen Döspaddeln rumstreiten, nur um meine Meinung dem Volk mitzuteilen? Klartext will ich reden, keine weichgespülten Phrasen!“

Als er vorige Tage dieser Bar einen Besuch abstattete, redete „Pontifax“ wirklich Klartext. Jedenfalls anfangs, erklärte, das ihm vor allen Dingen die Beraterfirmen, die Lobbyisten und die Erbschleicher auf den Senkel gehen würden. „Und geht mir weg, mit den ganzen Parteien! Die tun doch nur so, als gäbe es Unterschiede“, verkündete er voller Inbrunst und Überzeugung, dem anscheinend aufmerksam zuhörenden Tresenpublikum.

„Öffentlich streiten sie sich wie die Kesselflicker, diese Schauspieler, ziehen von Talkshow zu Talkshow und abends, abends feiern sie dann gemeinsam in irgend so einem Promi-Club, kloppen sich zufrieden auf die Schultern, glauben, sie hätten mich voll gelinkt.“

Kabuffke holte kurz Luft, kippte hastig einen kühlen Kräuterschnaps hinunter, ließ geschmeidig seine Zunge über die Lippen gleiten, setzte dann seine Klartext-Rede fort. „Für wie doof halten die uns eigentlich. Als ob ich nicht durchschaue, was da gespielt wird. Hauptsache die behalten ihre Posten, darum geht’s denen doch!“.

Ein weiterer Kräuterschnaps wurde auf der Steuererklärung notiert. Und noch ein Pils. Halben Liter.

Kabuffke hält halt Maß.

„Facharbeiter und Facharbeiterrinnen, Ärzte und Ärztinnen, Pflegekräfte und Pflegekräftinnen, Handwerker, auch…., auch Handwerkerinnen“.

Kurze Pause für ein Gedeck.

Füüüseo…, ähhh. Physiotherapeuten sowie Therepeutinnen, Pschüü…Psychologen und Innen, Bundeswehrsoldaten, oder Pauker und, und, eh, Lehrerinnen, alles fehlt, AAAAALLLLLEEEESSS FEEEHLT!“

Kabuffke verneigt sich vor der Theke, als er lautes Klopfen hört.

„Daaaaanke, Dancke, Leute!“  Ein kleines Bäuerchen, kaum der Rede wert.

Die Thekengäste hatten sich allerdings lediglich ihren Kümmerlingen zugewandt. Ich sah keinen Grund, “Pontifax” aufzuklären. Falscher Zeitpunkt.

Nach weiteren Notizen auf seiner Steuererklärung forderte er mich auf, den Schlimmes anzufordern. Schlimmes sagt er immer für Taxi, nachdem er den uralten Witz vom ältesten Taxifahrer der Welt per Whatsapp von acht verschiedenen Absendern zugesandt bekam.  

„Haaarpo, wie heissssscht der ältedeste Taxifahrer der Welt?“. Kabuffke hatte leichte Sprachprobleme, aber ich mach ihm zuliebe das Spielchen immer wieder gerne mit.

„Keine Ahnung, Pontifax“.

Schlimmes, hähä, denn es schteht schoooon inne Biebel, Schliiimmes wird euch wieder fahren….hahahaha“.