Corona und der RWE – auch in der SD

Essen in aller Munde, RWE sei Dank!

Selbst die renomierte Süddeutsche Zeitung hat sich mit unserem Verein beschäftigt. Der lesenswerte Artikel vom Top-Journalisten Holger Gertz, erschien online only für Abonnenten sowie in der Samstags-Printausgabe.

Mitten in der Nacht bekam ich den gesamten Text über WhattsApp von einem Rot-Weissen, dessen Name ich aus Datenschutzgründen nicht verraten darf. Während ich diese Zeilen schreibe, läuft im Hintergrund die Deutsche Version eines Otis Redding Klassikers: “Ich sitze hier beim Doc und denk nach” 🙂

Ich weiß, normalerweise darf man Artikel nur für private Zwecke nutzen und nicht weiter verbreiten. Allerdings hat die Süddeutsche heute mindestens 34 Zeitungskäufer allein aus meinem Umfeld hinzugewonnen, so dass ich die Zeilen hier mal für uns veröffentliche.

Für mich persönlich war es eine Ehre, von Holger Gertz interviewt zu werden.

Der Beitrag ist ziemlich lang, aber nie langweilig.

Also, wer will, hier isser, der Artikel:

Essen nicht vergessen

Der alte Leidenschaftsverein Rot-Weiss Essen legt ausgerechnet ohne Fans im Stadion einen Höhenflug hin – aber auf Dauer kann von digitalen Bratwürsten kein Mensch leben. Wie Corona der Fußballbasis zusetzt.

VON HOLGER GERTZ

Grundtendenz Erdinneres: Bei Rot-Weiss Essen geht es seit den Siebzigern eher abwärts. Aber hey, es gibt ja dann doch auch immer wieder Wunder. Foto: Werner Otto/imago Sportfotodienst

Manchmal weiß man schon morgens, wenn man aus dem Fenster guckt, wie das Spiel abends ausgeht. Ob das da draußen Glückswetter oder Pechwetter ist, hat mit Aberglauben zu tun, aber auch mit den Fähigkeiten eines Teams. Besteht die Mannschaft aus Zauberfüßen und Kunstdribblern, muss das Gras schön frisiert sein, auf gekämmtem Rasen kommen feingeistige Kombinationen erst richtig zur Geltung. Besteht die Mannschaft dagegen aus Kloppern und Eisenzehen, kann der Acker ruhig tief und matschig daliegen, und wenn morgens schon der Himmel mausegrau ist, leuchtet er vielleicht abends, nach dem Spiel.

Am Dienstag dieser Woche also schifft es schon morgens in Essen, die Ampellichter spiegeln sich auf der nassen Straße wässrigrot, wässriggelb, wässriggrün. Das ist nicht das schlechteste Vorzeichen für die Viertliga-Kämpfer von Rot-Weiss, die abends gegen die Artisten des Erstligisten Bayer Leverkusen ranmüssen. DFB-Pokal, Achtelfinale. Regen und Essen, das wäre (tindergerecht formuliert) das perfekte Match. In der Gegenwart genauso wie in der Vergangenheit, zu Zeiten des Essener Angreifers und Bergmannssohns Helmut Rahn, der 1954 im WM-Finale aus dem Hintergrund schießen musste und so weiter.

Es schüttete beim deutschen Heldensieg in Bern, es schüttete auch beim sogenannten Schlammspiel in der Saison 1969/1970, als Rot-Weiss, kurz RWE, die Gladbacher Musterschüler versenkte. “Sobald der Platz aufgewühlt war und schlechtes Wetter herrschte, waren wir da”, hat der Essener Abwehrmann Wolfgang Rausch gesagt, der gern unter Menschen war und besonders gern unter den Menschen der Disco Mississippi im alten Hotel Handelshof. Damals in den Siebzigern, als es noch mehr zu lachen gab. Alles vorbei.

Fußball ist immer auch ein Schippern auf dem Meer der Erinnerung. Das aktuelle Spiel auf dem Radar haben, und zugleich dem nachhängen, was untergegangen ist. Ein sentimentaler Dreiklang: Alte Rebellen. Alte Tabellen. Alte Kamellen. Nach dem 4. Spieltag der Saison 1970/71 war Rot-Weiss – das Team mit dem nach alter und neuer Rechtschreibung falsch geschriebenen Namen – Tabellenführer in der Bundesliga, danach sind sie immer weiter runtergereicht worden, immer auch mal wieder rauf, aber letztlich alles mit der Grundtendenz Erdinneres.

Sie konnten hier schon immer gnadenlos lieben, aber auch gnadenlos hassen

Zu oft verloren, zu viel Geld verprasst, keinen Plan gehabt, kein Glück gehabt, den falschen Leuten vertraut, die richtigen Leute verprellt, in den falschen Tabellen vorn gewesen. Schlagzeile im Portal Der Westen, 2016: “Platz 1 im deutschen Bier-Ranking – Beim Saufen ist RWE nicht zu schlagen”. Einmal fast Udo Lattek als Trainer auf der Bank gehabt – und einmal tatsächlich Pelé als Ehrenmitglied mit der Nummer 23101940.

Es gibt viele Abgehängte in den Ahnengalerien des Fußballs, Sechzig München, Magdeburg, Lautern, Offenbach, Braunschweig. Aber Rot-Weiss Essen, Meister von 1955, der Klub aus Deutschlands zehntgrößter Stadt, kümmert jetzt schon seit dreizehn Jahren in der vierten Liga aka Schweineliga rum und spielt gegen Rödinghausen, Lotte, Gladbach Zwo. Während nebenan die alten Bratwurstkumpel aus Dortmund, Deutschlands neuntgrößter Stadt, zu Geldscheißern und Champions-League-Finalisten herangewachsen sind.

Als 2020 Corona über die Menschen herfiel, fiel es natürlich auch über den Fußball her, das Lieblingsspielzeug der Menschen, gerade in der Menschenstadt Essen. Dort drängeln sich sogar in der Schweineliga bei Dauerregen 10 000 Zuschauer. Was Rot-Weiss immer am Leben gehalten hat: die Masse. Weil aber Corona die Massen teilt und die Menschen trennt, schien ausgerechnet der Menschenverein Rot-Weiss das ideale Corona-Opfer zu sein. Was sollte aus dem Verein werden ohne die Fans und ihre Energie? Und ohne ihr Eintrittsgeld?

Und dann geschah das Wunder.

Am Dienstag dieser Woche also sitzt Helmut Tautges auf so einer abwaschbaren Sitzgelegenheit im Rhein-Ruhr-Zentrum in Mülheim, um über das Wunder von Essen zu reden. Dass es draußen immer noch regnet wie aus Wannen, ist ein gutes Vorzeichen für das Spiel am Abend, es verunmöglicht allerdings ein Gespräch an der frischen Luft, und so trifft man sich in dieser etwas runtergewohnten Shopping-Mall, Masken überm Mund, aber man sitzt wenigstens trocken. Tautges, geboren 1954 in Essen-Stoppenberg, heißt Helmut wegen Helmut Rahn, wird aber von allen nur “der Happo” genannt und unterschreibt seine Mails auch so. Happo hat sein erstes Spiel 1966 im Georg-Melches-Stadion gesehen, seitdem ist er dabei, inzwischen als Präsident des Fanclubs “Uralt-Ultras”. Schlank, schwarze Klamotten, Handy-Klingelton “Can’t you hear me knocking” von den Stones. Denn Happo, bald 67, ist unkaputtbar, wie auch sein Verein unkaputtbar ist. Arterien durchgepustet, zwei Herz-OPs hat er hinter sich, alles gut gegangen: “Bin ja froh, dat ich leb.”

Das Wunder von Essen hat mit einem Feuer zu tun, das bei vielen in Essen trotz allem auch in der vierten Liga nie verloschen ist. Oder gerade da nicht. “Man hat hier in der Gegend Dortmund, Schalke als Konkurrenz”, sagt Happo. “Es reicht schon, wenn man durch die Schrebergärten geht und die Fahnen an den Masten hängen sieht. Da freu ich mich dann, wenn ich mal ne Rot-Weiss-Fahne seh. Man ist manchmal fremd als Fußballfan in der eigenen Stadt. Auch auf dem Schulhof, von zwanzig Leuten tragen zehn Leute Blau-Weiß oder Schwarz-Gelb. Aber auch ein, zwei Rot-Weisse sind dabei. Die gibt’s immer noch, und das ist fantastisch.”

Auch Helmut Tautges, den sie hier alle Happo nennen, fragt sich, was nach Corona eigentlich übrig bleiben wird. Foto: Holger Gertz

Wegen Corona konnte im Frühjahr 2020 nicht gespielt werden, da erfand die Vereinsführung mit dem Klubchef Marcus Uhlig ein virtuelles Duell mit dem FC Corona. Fast 10 000 Tickets wurden verkauft für ein Spiel, das es nicht gab, sogar Verpflegung gab es nicht auf die Hand, nur in Gedanken. “Essen verkauft 2283 digitale Bratwürste”, titelte anerkennend die Bild, die normalerweise rohes Fleisch will. Obwohl die vergangene Saison schließlich abgebrochen wurde, haben 94 Prozent der Essener Dauerkartenbesitzer kein Geld zurückgefordert. Als im Sommer die Saison startete, legte der Verein eine Saisonkarte auf, die nicht nur fürs Stadion gilt, sondern mit der man sich auch in eine Online-Live-Übertragung einklinken kann, wenn die Spiele, wie jetzt, ohne Publikum stattfinden müssen. Auf diesem Livestream verfolgt auch Happo die Spiele, er sagt: “Wenn wir jetzt den Rücken kehren oder nicht verzichten oder nicht investieren, dann würde der Verein vielleicht pleitegehen. Corona hat den Zusammenhalt befeuert.” Tatsächlich – das Wunder! – hat Rot-Weiss Essen seit Corona kein Spiel mehr verloren, der Verein ist Herbst/Winter-Meister geworden, schwebt mit einer zugegeben starken Mannschaft durch die Liga, obwohl er von Menschen gerade nicht live und vor Ort getragen wird, die sitzen ja alle zu Hause.

Happo überlegt, woran es liegen könnte, vielleicht ist es auch eine Psychonummer: “Da ist ja Rot-Weiss auch manchmal dran gescheitert, dass einige Spieler mit der Energie im Stadion nicht klarkamen. Sacht man.” Die einigermaßen irrsinnig klingende Frage ist also, inwieweit Spiele vor Zuschauern Punkte gekostet hätten. Die Frage ist aber müßig, weil: Niemand kann sie beantworten.

In dem schönen Band “Rot-Weiss Essen – Die 70er” steht jedenfalls, dass das Publikum in Essen gnadenlos lieben und gnadenlos verachten kann. Früher kletterte der Vorsänger auf die Stange und hängte die Fragen aller Fragen an den Mast: “Wer ist der Schreck vom Niederrhein?” Aber die Drohkulisse konnte zur Drehbühne werden, wenn es nicht lief, dann richtete sich alles gegen die eigene Mannschaft. Sagte der alte Vereinspräsident und Bergwerksdirektor Hans Schwerdtfeger 1979 nach einem Remis gegen Hannover 96: “Wie sollen unsere Spieler denn Selbstvertrauen zeigen, wenn das Publikum den gegnerischen Torwart anfeuert? Man sollte den ganzen Kram hinschmeißen.”

Ewig her, aber der Happo war damals auch schon dabei, und vielleicht hat er damals auch schon so ausgesehen wie heute, mit seinen Ohrringen und mit dieser angedeuteten Horstschimanskihaftigkeit.

Früher gab es solche wie ihn in den Stadien öfter, man sieht das auf den alten Fotos von den alten Kurven in den alten Stadien. Und wenn man jetzt mit Happo über die Bedeutung von Fans redet, merkt man, was der Bundesliga auch verloren gegangen ist, seit sie zu einem Feelgoodevent im Bezahlfernsehen für die ganze Familie hochgejazzt worden ist. Und, andererseits, zum Debattierfeld für Nerds, die eine Art Raketenwissenschaft aus dem Spiel gemacht haben, mit Fachbegriffen von Packing Rate bis Polyvalenz.

Essen, der “schlafende Riese”? Unsinn, sagt der Blogger: So lange schläft kein Riese

In der vierten Liga klingt das Reden über Fußball noch anders, mehr nach Straße und immer noch ein bisschen so wie bei diesem Essen-Fan aus den Siebzigern, der in der historischen Doku “Immer diese Westkurve” eine weitere große Frage stellte und auch gleich beantwortete: “Wat ham wa in Bochum gekriecht? Dicke Augen!”

Die Erinnerung an früher ist nur zweidrittelromantisch, weil sie auch in Essen mit den harten Jungs und auch den rechten Hools irgendwie klarkommen mussten – und weiterhin müssen. Die ganze Welt kann leider nicht wie Freiburg sein. Und auch nicht wie Hoffenheim. Happo hat mit seinen Leuten einen Weg gefunden, um zu zeigen, “dass der Rot-Weiss-Fan eben nicht nur krakeelt, sondern mehr ist als das Image. Wobei das Image natürlich auch manchmal positiv sein kann. So’n bisschen anrüchig hat ja auch einen gewissen Reiz.”

Er hat gerade auf seiner Homepage getrommelt und gesammelt für ein Suppenfahrrad, mit dem die Initiative “Essen packt an” warme Mahlzeiten an die Obdachlosen in der Stadt verteilt. Das alte Suppenfahrrad war kaputt, man konnte es nur noch schieben, für ein neues wollte er 3500 Euro zusammenkriegen. “Euronen” sagt Happo. Es wurden 5555 Euronen, das reichte noch für jede Menge Pfannen und Töpfe. “Ich empfinde Stolz und Dankbarkeit für solches Handeln”, hat er ins Netz geschrieben. Ein paar Preise, die unter allen Spendern verlost wurden, hatte er organisiert: signiertes RWE-Trikot, formschönes RWE-Emblem aus Stahlblech, original Feuerkorb der Brauerei Stauder. Essener wissen, was das ist.

Das Handy klingelt, “Can’t you hear me knocking”. Happo drückt weg. Er weiß nicht, wie es weitergeht in der Saison. Er sagt es so: “Mein innerstes Ich sträubt sich, gegen Rot-Weiss zu tippen.” Er sieht nach Rock ‘n’ Roll aus, aber er ist ein freundlicher, selbstironischer Rocker, da ist so gar nichts Kaltes an ihm.

Noch ein paar Fotos. Na, Happo, was ist jetzt deine Schokoladenseite?

Sagt er: “Na ja, ich seh natürlich von allen Seiten erotisch aus.”

Keine Ahnung, was nach Corona vom unterklassigen Sport übrig bleiben wird. Die Regionalliga West hat noch Glück, sie gilt als Profiveranstaltung und darf im Lockdown weitermachen, anderswo liegt von der vierten Liga abwärts an alles brach. In anderen Sportarten sowieso. Es sind im Moment noch keine drängenden Fragen, ob es den Sport noch so geben wird, wie es ihn bisher gegeben hat, aber irgendwann werden sich diese Fragen natürlich stellen. Wird das Publikum Spiele überhaupt noch sehen wollen, oder werden die Leute sich daran gewöhnt haben, dass es auch ohne geht? Die Pandemie gibt seit bald einem Jahr die Spielpläne vor, und wie die Menschen in den Theatern und Kinos haben auch die Vereinschefs Angst, dass das noch länger so gehen könnte. Am Ende denken alle an das Undenkbare: dass es nie mehr richtig wird wie früher.

Weiterfahrt in den Süden der Stadt, am Hauptbahnhof kommt man am Hotel Handelshof vorbei, wo früher das Mississippi drin war und von dessen Dach später, 2010, das Essener Stadtwappen aus seiner Verankerung fiel und zu Boden krachte, ein drei mal sechs Meter großer Plexiglas-Brummer. Verletzt wurde niemand. Was wäre das für eine Geschichte gewesen, wenn’s einen Ortsfremden getroffen hätte: Schalker fast von Essener Stadtwappen begraben. Manchmal macht man sich einfach keine Vorstellung davon, warum dieses passiert und jenes nun gerade nicht.

In Essen-Werden, gleich bei der S-Bahn unten am Flussufer, sitzt André Schubert auf einer Bank bei einer Rasenfläche und schaut zur Ruhr rüber. Schubert bloggt unter dem Namen Catenaccio 07 über Rot-Weiss: oft ironisch, sarkastisch, guter, kraftvoller Klang. Auf seiner Seite steht ein Zitat von Éric Cantona, dem Idol aller Gegen-den-Strich-Gebürsteten: “Man braucht ein gewisses Talent, um allen zu gefallen. Ich habe dieses Talent nicht.”

Wenn man mit Menschen in Essen über Fußball redet, merkt man, was der Bundesliga auch verloren gegangen ist, seit sie zu einem Feelgoodevent im Bezahlfernsehen für die ganze Familie hochgejazzt worden ist. Foto: Holger Gertz

Schubert sagt, ihm steht zu viel Abgegriffenes in Essen-Texten: Oppa mit der Stauder-Pulle, Rahndenkmal vor Westtribüne. “Oder da gibt es diesen Begriff des schlafenden Riesen. Wird von jedem benutzt, und das seit zehn, zwanzig Jahren. So lange schläft aber kein Riese. Den Terminus bitte nicht verwenden, sonst krieg ich das Kotzen.” Die Lage ist grandios gerade, für Rot-Weiss, sie ist aber auch ernst, mit Klischees jedenfalls ist sie nicht abbildbar. Es geht um mehr als sonst, und sonst geht es ja auch immer schon um alles. “Ein Verein wie Borussia Dortmund wird jetzt nicht pleitegehen. Sky zahlt fröhlich weiter, ob Zuschauer im Stadion sind oder nicht. In der vierten Liga, wo es kein Fernsehgeld gibt, und in der dritten Liga, wo es fast kein Fernsehgeld gibt, da geht es um die Existenz. In der Bundesliga nicht.”

Schubert ist, als Blogger, auch immer wieder im praktisch leeren Stadion, “da sitzen sie mit 40 anderen Menschen, und wenn sie mal laut husten, hört man das sechzig Meter weiter. Das ist vom Fuß- ball meilenweit entfernt. Unten rennen 22 Mann rum, von denen brüllen elf permanent. Skurril, absurd. Wie gesagt, als temporärer Zustand ist das vonnöten. Aber wenn das so weitergeht, schwant mir nichts Gutes.” Mit digitalen Bratwürsten kommt keiner auf Dauer durchs Leben.

Später das große Spiel, gegen Leverkusen im DFB-Pokal. Null Zuschauer. Schubert schaut auf die zerklüftete Grünfläche vor ihm, überall bricht die Erde durch den Rasen, wenn’s nicht so kalt wäre, würde sich genau jetzt ein Maulwurf aus dem Boden buddeln, er trüge einen Schutzhelm mit dem Emblem von RWE. Schubert sagt: “Wissen Sie, wie der Rasen aussieht im Stadion Essen? Hier, ohne Scheiß: So sieht der gerade aus. Die Leverkusener, die ja über die Technik kommen, werden kotzen.”

Also Sieg für Essen in der Verlängerung?

Schubert sagt: “Ich glaube nicht, dass wir’s gewinnen werden. Ich hoffe auf ein Elferschießen.”

Das Stadion brütet wie schockgefrostet vor sich hin, bis es passiert, das Wunder

Wie wahrhaft leer sich Geisterspiele anfühlen, kann man schließlich an der Hafenstraße spüren, es regnet, es ist schon dunkel. Das Spiel! Das Stadion liegt da hinten, man kann von der Straße die leeren Tribünen sehen. Bei Youtube schnell das Kontrastprogramm angeworfen, auch ein Pokal-Reißer, auch gegen Leverkusen, 1995 noch im alten Stadion, Rolf Töpperwien, der Weitgereiste, war schon vor dem Spiel heiser: “Eine Begrüßung, wie ich sie in 23 Berufsjahren, außer in Mexico-City, Aztekenstadion, noch nie erlebt habe.”

Jetzt brütet die Bude wie schockgefrostet vor sich hin. Auf der anderen Seite der Straße: die Containerlandschaft von Fiege Logistik, ein WDR-Wagen, Einsatzfahrzeuge der Polizei. Der Bus – Linie 196 – summt leise durch den Abend. Punkt 18.30 Uhr schneidet der Anpfiff durch die Stille.

Vor dieser Kulisse begeht Rot-Weiss Essen, viel geliebt und viel geprüft, sein allergrößtes Spiel seit ein paar Jahrzehnten.

Es ist zum Heulen, aber es hilft ja nichts. Natürlich gewinnen sie, es war ja zu spüren gewesen schon am Morgen, beim ersten Blick aus dem Fenster. “Can’t you hear me knocking” hatten nicht nur die Stones in Happos Klingelton gefragt, sondern auch die Regentropfen an den Fensterscheiben des Leverkusener Mannschaftsbusses. Und wenn der Himmel morgens mausegrau ist, dann leuchtet er tatsächlich abends. Ein paar übrig gebliebene Raketen steigen nach dem Spiel in den Himmel über Essen auf, und beim WDR schreiben sie “Rahnsinn” auf die Homepage, was in dem Sinne auch eine Floskel ist, aber noch nicht so abgegriffen, kann man also mal bringen.

Die Essener haben mehr als eine Million verdient im DFB-Pokal, sie haben sich selbst gerettet erst mal, am Sonntag wird das Viertelfinale ausgelost, aber sie müssen aus der Schweineliga raus, da sind sie gerade vernetzt mit allen, denn im Prinzip will ja die ganze Welt wegen Corona aus der Schweineliga raus, nur wie?

Helmut “Happo” Tautges hatte es so gesagt, im Einkaufszentrum draußen in Mülheim. Mit Blick auf lauter Läden, die dicht sind, war er ganz kurz zum Träumer geworden und hatte für sich gesprochen und nicht nur für sich. Also: “In der Corona-Zeit fühlt sich alles unwirklich an. Aber wenn ich wach werde und dat Leben wieder anfängt, dann sind wir in der dritten Liga.”

Mentor

Geschrieben von Happo

Auf einen Psyhopathen mehr oder weniger, kommt es nicht an.

Tour de Revanche geht weiter

RWE ist Life, aber nicht live