Draußen nur Kännchen

So langsam geht mir die Knete aus. Vielen Dank Corona.

Die Bar lebt nun mal hauptsächlich vom Treiben anne Theke.

Platz ist zwar in der kleinsten Hütte, aber die Vorschriften zählen anders.

Anstelle von zwei, darf ich aufgrund der Auflagen nur einen Tisch belegen und dabei muss die Abstandsregel beachtet werden. Will heißen, bei zwei Gästen drinnen, melde ich AUSVERKAUFT.  

Dank der unbürokratischen Sondernutzungsgenehmigungauslegungsentscheidung durch Kumpel Totti – seines Zeichens empathischer wie durstiger Behördendiener bei der Stadt – konnte ich übers Wochenende wenigstens testweise, einen Teil des vor der Unkaputt-Bar befindlichen Bürgersteiges nutzen.

Zwei runde Stehtische für vier bis maximal fünf Personen durchschnittlicher Körperstruktur waren ordnungsamtlich erlaubt.

Anarcho und Gauda zählen sicherlich nicht zu den Normalos. Tauchen sie gemeinsam auf, gleicht das einer Massendemonstration. Klar war, dass sie überpünktlich, kurz nacheinander auftauchten und die beiden Stehtische in Beschlag nahmen.

Buffy war auf „Spritztour“ und Gigolo spulte Kilometer um Kilometer seiner Trainingsstrecke ab.

„Nimm Dir mal ein Beispiel an Gigo., Alter. Hast ne ganz schöne Wampe zugelegt“, meinte Anarcho.

„Hab leider nur Joggingschuhe mit Aerosohle. Zu gefährlich sagen die Virologen“, erwiderte Gauda schmunzelnd.

Salander trat mit einem Lächeln aus der Bar nach draußen: „Mein Gott Jungs, Klammerblues Tanzen ist mit Euch zwei Hübschen schier unmöglich. Soooo lange Arme habe ich leider nicht“. 

Ohne eine Antwort abzuwarten stellte sie Gauda und Anarcho jeweils ein fettes Stück selbstgebackenen Käsekuchen ohne Boden vor die Nase.

„Falls ihr Kaffee dazu haben wollt, ihr wisst ja: Draußen gibt’s nur Kännchen“.

Gut eine Stunde später standen bereits sechs leere Kännchen Pils auf den Tischen.

Die Stammgäste hatten nichts verlernt.

Als ich rausging, um deren Durst versuchen zu lindern, liefen bereits die üblichen Hänseleien auf Hochtouren.

Vor allen Dingen Anarcho schien die Frotzeleien mit seinem Kumpel Gauda gefehlt zu haben.

„Was hab´ ich Dir gesagt, Holländer, die Bundesliga zieht nicht mehr. Das ist ein Auslaufmodell. Brauchst nur die Zuschauerzahlen zu lesen. Peinlich, peinlich“.

„Blödmann!“

„Sag mal, Käskopp, was hälste eigentlich von der Maskenpflicht?“, wollte Salander wissen.

„Gauda findet die prima. Hilft gegen seinen Mundgeruch“, funkte Anarcho ungefragt dazwischen.

„Zieh Du Dir lieber ne Tüte übern Schädel, Du Systemunrelevanter“.

„Immerhin funktioniert das System“, warf Salander ein.

Just in diesem Moment schnellte Gigolo entgegen, stoppte vor den Tischen, um sich geschmeidig nieder zu knien.

„Watt is´ los Liebeskasper, machst Du jetzt einen auf Black Lives Matter?“, witzelte Gauda.

„Häh? Ich bind´ mir nur die Schuhe zu. Geh´ mir bloß nicht auf den Senkel!“. Gigolo atmete tief ein und aus, blickte Salander an: „Der hat ja vielleicht Humor“.

„Sag jetzt bloß nicht, Schwarzen Humor, sonst kriegst Du es mit unserem Pferdeschwänzchen hier zu tun“.

Anarcho ließ sich nicht lange bitten. „Zieh das nicht ins Lächerliche, Glatzkopp, das ist ein verdammt heißes Thema. Da versteh ich keinen Spaß“.

„Aber Du, Du diskriminierst mich doch schon seitdem wir uns kennen. Wie Du über Holländer sprichst, ist doch Rassismus pur. Das stinkt doch stärker zum Himmel, als alter Gaudakäse“.

„Ach, jetzt kommste mir damit. Und was ist mit Dir, mit Deinen Witzen, Vorurteilen und Fake News über Menschen mit schwarzer, brauner, roter, gelber oder was weiß ich für eine Hautfarbe? So wie gestern, als Du behauptet hast, es wäre paradox, wenn ein Schwarzafrikaner als Fahrkartenkontrolleur aktiv ist“.

„Naja, ist doch echt zum Lachen. Kerl, übertreib mal nicht. Ich mein dat doch nicht böse. Schwarze Schafe gibt es überall. Und jetzt mal Butter bei die Fische, wir sind nicht in Amerika. Wenn Du behauptest, Deutsche Polizisten sind rassistisch, DANN IST DAS DISKRIMINIEREND!“

„Klaro, Herr Gauda. DU bist ein Unterdrückter. Deine Bundesligaprofis kämpfen auch für Dich. Wow“.

Salander dachte eher laut, als das sie sprach: „Die Menschen stehen auf, obwohl sie sich nieder knien“.

„Was nuschelst Du?“

Der Ton wurde rauher.

Es hat wirklich nichts mit Rassentrennung zu tun, trotzdem ging ich sicherheitshalber dazwischen.

„Unser Rasseweib Salander serviert Euch sofort noch eine große Tasse pechschwarzen Kaffee“.

Lisbeth blickte mich grimmig an: „Wie nennst Du mich, Rasseweib? Reduzier´ mich bitte nicht auf mein Äußeres, lieber Happo. Im Übrigen, draußen nur Kännchen“.

Verdammt, gar nicht so einfach, sich korrekt zu verhalten.

Dauergast / 1 Kasten Stauder

Geschrieben von Happo

Auf einen Psyhopathen mehr oder weniger, kommt es nicht an.

Berechtigte Forderungen

Black Tuesday